Hintergrund und Hypothese | Neuro-Depesche 10/2017

Melatonin gegen metabolische Atypika-Nebenwirkungen?

Zertifizierte Fortbildung

Viele atypische Antipsychotika gehen – bei besserer motorischer Verträglichkeit – mit unerwünschten Stoffwechseleffekten wie Gewichtszunahme und metabolischem Syndrom einher. Diese könnten u. a. durch eine gestörte Schlafarchitektur gefördert werden. Unter diesem Aspekt wurde jetzt die Hypothese formuliert, dass Melatonin die metabolischen Atypika-Nebenwirkungen verhüten oder verringern kann.

Eine gestörte zirkadiane Regulierung kann stoffwechselrelevante Hormone wie Insulin, Leptin und Ghrelin beeinflussen. Bekanntlich leiden Menschen mit Schlafdefiziten ja gehäuft unter Übergewicht. Beim metabolischen Syndrom werden u. a. verstärkt prothrombotische und proinflammatorische Mediatoren freigesetzt.
Das endogene, von der Zirbeldrüse bei Dunkelheit sezernierte Melatonin spielt (über Effekte auf den hypothalamischen Nucleus suprachiasmaticus) eine Schlüsselrolle für die zirkadiane Rhythmik. Daneben hat es chronobiotische, antioxidative, antiinflammatorische und zahlreiche andere (zentrale und periphere) Eigenschaften, es fängt freie Sauerstoffradikale und aktiviert das stoffwechselaktive braune Fettgewebe. Wegen dieser Einflüsse auf autonome und hormonelle Systeme wird nun vermutet, dass nächtlich verabreichtes Melatonin unerwünschte Atypika-Wirkungen wie metabolisches Syndrom, Übergewicht, Diabetes etc. verringern oder verhindern kann.
Außer verschiedenen tierexperimentellen Arbeiten weisen auch einige kleinere klinische Studien auf positive, von der Ernährung, Kalorienaufnahme, Bewegung etc. unabhängige Melatonin-Effekte auf metabolische Atypika- Nebenwirkungen hin. So in drei Studien mit jeweils 44 bis 48 bipolar oder schizophren erkrankten Patienten: Unter der Therapie mit den (metabolisch ungünstigen) Atypika Olanzapin, Clozapin, Quetiapin kam es in den Melatonin-Addon- Gruppen vs. Placebo zu signifikant geringerer Zunahme des Körpergewichts (Unterschied: 3,2 kg; p = 0,023) und des Bauchumfangs (Unterschied: 2,83 cm, p = 0,041) bzw. tendenziellen, teils aber auch signifikanten positiven Effekten auf den Cholesterinspiegel, andere Blutfettwerte und/oder den systolischen/ diastolischen Blutdruckanstieg.
Die Autoren heben hervor, dass Melatonin − Wirksamkeitsnachweis vorausgesetzt − wegen seiner guten Verträglichkeit auch bei pädiatrischen psychiatrischen Patienten eingesetzt werden könnte. JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar

Die hier zusammengeführten Erkenntnisse sprechen dafür, dass Melatonin gegen die metabolischen Nebenwirkungen atypischer Antipsychotika wirksam sein könnte. Vor diesem Hintergrund scheinen, so die Autoren, systematische Studien bei Atypika-behandelten Patienten gerechtfertigt.

Quelle:

Porfirio MC et al.: Can melatonin prevent or improve metabolic side effects during antipsychotic treatments? Neuropsychiatr Dis Treat 2017; 13: 2167- 74

ICD-Codes: F31.9

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