Praktische Erfahrungen | Neuro-Depesche 10/2016

Medizinisches Cannabis bei Migräne?

Zertifizierte Fortbildung

Die Anwendung von Cannabis weitet sich über die klassischen Indikationen wie MS-bedingte Spastik etc. aus. Bei weitgehendem Fehlen kontrollierter Studien fassten US-Experten jetzt ihre Erfahrungen zu medizinischem Cannabis bei Migräne-Patienten zusammen. Kann Marihuana die Attackenfrequenz maßgeblich senken?

In der retrospektiven Studie an zwei auf Cannabis spezialisierten Kliniken in Colorado wurden die Daten (Jan. 2010 bis Sept. 2014) von 121 Männern und Frauen mit Migräne als Primärdiagnose ausgewertet. Ihre Erkrankung bestand seit durchschnittlich 14 Jahren, 67,8% der Teilnehmer hatten bereits Cannabis-Erfahrungen. Die meisten Patienten wendeten es täglich und in verschiedenen Formen (Rauchen, Verdampfen, Essen, topische Anwendung) zur Akutbehandlung (n = 4), zur Prophylaxe (n = 7) oder zu beidem (n = 110) an. Als Akuttherapie wurde meist inhaliertes Cannabis eingesetzt, das sich durch einen schnellen Wirkbeginn auszeichnet.
Im primären Wirksamkeitsendpunkt war das Cannabis erstaunlich effektiv: Die Zahl der monatlichen Migräne-Attacken sank von 10,4 auf 4,6 (p < 0,0001). Als Sekundärparameter wurden zusätzliche Wirkungen sowie der Einfluss von Typ und Dosis des Cannabis sowie vorangegangene und zusätzliche Migräne-Therapien untersucht.
Danach berichteten insgesamt 48 Patienten (39,7%) positive Effekte: Am häufigsten waren dies die Prävention von Attacken bei 24 Patienten (19,8%) und die Unterbrechung von Attacken bei 14 Patienten (11,6%). Die Verringerung des Anteils an Patienten mit Einnahme herkömmlicher Migräne- Medikamente von 59 (48,8%) auf 52 Patienten (42,9%) war allerdings nicht signifikant.
Negative Effekte wurden bei insgesamt 14 Patienten (11,6%) dokumentiert. Am häufigsten waren dies in je zwei Fällen (1,7%) Somnolenz sowie die Schwierigkeit, die Cannabis-Effekte hinsichtlich Dosis und Timing einzuschätzen – letzteres betraf allerdings nur die elf Patienten, die es vornehmlich in essbarer Form anwendeten. Auch insgesamt verursachte gegessenes Cannabis mehr negative Effekte als die übrigen Einnahmeformen. JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar

Die Halbierung der Zahl monatlicher Migräne- Attacken spricht dafür, prospektive Studien durchzuführen, in denen die Details der optimalen Cannabis-Anwendung unter standardisierten, kontrollierten Bedingungen geklärt werden können. Inwieweit sich der tägliche Konsum – positiv oder negativ – auf andere Lebensaspekte der Patienten auswirkt, sollte ebenfalls untersucht werden.

Quelle:

Rhyne DN et al.: Effects of medical marijuana on migraine headache frequency in an adult population. Pharmacotherapy 2016; 36(5): 505-10

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