Spielt die Stellung der Frau eine Rolle? | Neuro-Depesche 9/2016

Mädchen-Suizide in der östlichen Türkei

In einer kleinen deskriptiven Studie beschreibt eine Gruppe türkischer Forensiker die näheren Umständen von – zumeist sehr jungen – Frauen bzw. Mädchen in einer Stadt im östlichen Anatolien. Sie befassen sich mit zugrundeliegenden psychischen Störungen wie Depressionen, weisen aber explizit auf den Einfluss der geringen gesellschaftlichen Stellung der Frau und die Verheiratungspraktiken in den traditionellen Strukturen hin.

Die 1 035 418 Einwohner der ostanatolischen Stadt Van leben überwiegend bäuerlich und in ausgeprägt patriarchalischen Strukturen. Im Gegensatz zu anderen Gemeinden in der Türkei kommen Suizide in Van häufiger bei weiblichen als bei männlichen Personen vor wie schon Untersuchungen der Van Women’s Association (VAKAD) ergeben haben.
Retrospektiv wurden nun die Autopsiebefunde (2005–2011) ausgewertet. Es fanden sich 66 Suizide von Frauen, zwei Drittel (n = 44; 66,7%) hatte sich erhängt, ein Viertel erschossen (n = 17; 25,8%).
Die Hochzeiten werden in dieser Region oft von den Familien ohne Mitbestimmung der Mädchen/jungen Frauen arrangiert. So waren hier 59% der 66 Frauen verheiratet – entweder in einer religiösen Zeremonie als Zweitfrau („Kuma“) angenommen oder durch einen Brautleute-Tausch („Berdel“). 90% waren „Hausfrauen“ und 10% Schüler, 90% waren finanziell schlecht gestellt.
Das durchschnittliche Alter der weiblichen Suizidopfer betrug 22,64 Jahre (SD: 10,09 Jahre). Dabei war die Mehrzahl zwischen 16 und 20 Jahren alt (n = 30; 45,45%), und 13 (13,6%) sogar jünger als 15 Jahre. Die externe Untersuchung von 12 Opfern ergab verschiedene alte Verletzungszeichen wie Ekchymosen, Lazerationen und Hämatome, die auf eine Gewaltanwendung hindeuten. Unter diesen 12 waren die Traumazeichen in vier Fällen frisch.
Fünf weibliche Suizidopfer (7,6%) befanden sich wegen einer Depression in Behandlung, 12 (18,2 %) hatten schon zuvor mindestens einmal versucht, sich umzubringen. JL

Kommentar

In ihren pointierten Schlussfolgerungen gehen die Autoren auf die kulturelle Unterdrückung der Frauen in der patriarchalen Gesellschaft ein. Die fehlenden Entfaltungsmöglichkeiten der Mädchen und die arrangierten Heiraten bewerteten die Forensiker als Risikofaktor für die gehäuften Suizide. Sie fordern daher u. a. die konsequente juristische Verfolgung der Minderjährigen-Verheiratung und häuslicher Gewalt. Davon unabhängig empfehlen sie ein regelmäßiges psychiatrisches Screening auf Risikopersonen sowie eine konsequente Behandlung und Nachbeobachtung, um die Zahl an Suiziden bzw. Suizidversuchen zu verringern.

Quelle:

Hekimoglu Y et al.: A descriptive study of female suicide deaths from 2005 to 2011 in Van city, Turkey. BMC Womens Health 2016; 16: 20 [Epub: 23. April; doi: 10.1186/s12905-016-0299-1]

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