Stressbelastung im Job | Neuro-Depesche 9/2018

Machen lange Arbeitszeiten depressiv?

Ungünstige Arbeitsplatzbedingungen können die körperliche und seelische Gesundheit stark beeinträchtigen. Den möglichen Einfluss der wöchentlichen Arbeitszeit auf die Depressivität und die vermittelnde Rolle von „Job-Stressoren“ untersuchten jetzt südkoreanische Forscher anhand einer groß angelegten Angestelltenbefragung.

Die Datenbasis bildete das „Korea Working Conditions Survey“ (KWCS) aus dem Jahre 2014 mit 23 197 Angestellten (> 19 Jahre), die mehr als 35 h pro Woche arbeiteten. Die Wochenarbeitszeit der 12 509 Männer und 10 688 Frauen wurden in fünf Kategorien aufgeteilt: 35–39 h, 40 h (Referenz; 45,3% der Teilnehmer), 41–52 h (31,5%), 53–68 h (15,7%) und > 68 h (4,8%). Depressive Symptome wurden anhand des WHO Well-Being Index (Cut-off-Score: 13 von max. 25 Punkten) erfasst. Die binomiale Regressionsanalyse erfolgte unter Adjustierung auf etliche möglicherweise beitragende Variablen wie körperliche Probleme, sozioökonomische Position sowie Nacht- und Schichtarbeit.
43,0% der Teilnehmer wiesen depressive Symptome auf, Männer ähnlich häufig wie Frauen. Die Rate nahm – außer mit dem Lebensalter – mit der Arbeitszeit deutlich zu. Sie betrug 37,9% bei 40 h, 43,4% bei 41–52 h, 52,5% bei 53–68 h und schließlich 54,3% bei > 68 h Arbeit pro Woche.
Wie stark der Einfluss der Arbeitszeit auf die Depressivität ist, wurde anhand der prozentualen Veränderungen in den Depressions-Prävalenzraten (PR) eingeschätzt. Gegenüber den Personen mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 h war das Risiko, unter depressiven Symptomen zu leiden, bei den länger arbeitenden Angestellten erhöht: Die PR betrug in der 35–39 h-Gruppe 1,09 (95%-KI: 1,01–1,18), in der 53–68 h-Gruppe 1,21 (95%-KI: 1,16–1,25) und in der > 68 h-Gruppe 1,14 (95%-KI: 1,07– 1,21).
Ein hoher Score für „Job-Stress“ erklärte die Effekte der langen Arbeitszeit auf die depressiven Symptome bei den > 40 h Arbeitenden zu 20–40%. Unter den einzelnen Job-Stress-Faktoren hatte mangelnde „soziale Unterstützung“ mit 10–30% in allen Arbeitszeit-Gruppen den stärksten vermittelnden Einfluss. Fehlende „Belohnung im Job“ erklärte 15–30% der Varianz bei den > 52 h arbeitenden Befragten – sie war bei den > 68 h arbeitenden Angestellten der wichtigste erklärende Einzelfaktor (28,1%). JL

Kommentar

Offenbar erhöhen lange und sehr lange Arbeitszeiten das Risiko Angestellter für Depressionen unabhängig von anderen Faktoren signifikant. Da Südkorea zu den OECD-Ländern mit den längsten Arbeitszeiten gehört, ist das Thema dort besonders brisant. Neben der Verkürzung der Arbeitszeit könnte die Förderung der sozialen Unterstützung und der Belohnung wichtige Ansätze zur Verbesserung der Situation sein, so die Autoren. Eine weitere aktuelle südkoreanische Studie (Jung J et al., Ann Occup Environ Med 2018) belegt übrigens, dass Stress am Arbeitsplatz die Depressivität „dosisabhängig“ um das Zwei-bis Dreifache erhöht – und eine Stressreduktion das Depressionsrisiko verringert..


Quelle:

Yoon Y et al.: Working hours and depressive symptoms: the role of job stress factors. Ann Occup Environ Med 2018; 30: 46 [Epub 13. Juli; doi: 10.1186/ s40557-018-0257-5]

ICD-Codes: F32.9

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