68th Annual Meeting der American Academy of Neurology (AAN) | Neuro-Depesche 6/2016

Hot topics vom Neurologen-Gipfel

Die 68. Jahrestagung der AAN vom 15. bis 21. April 2016 lockte mehr als 11 000 Teilnehmer in das kanadische Vancouver. Unter dem Motto „Experience the Excellence“ fanden an vollen sieben Tagen hunderte von Scientific Sessions, Workshops und Kurse statt, die praktisch alle neurologischen Erkrankungen abdeckten. Insgesamt wurden mehr als 2700 Arbeiten eingereicht. Neben der MS, zu der gegenwärtig wohl weltweit am meisten geforscht wird, waren Demenz und Schlaganfall sehr stark vertreten.

Auf der AAN-Tagung wurden mehrere Pressekonferenzen zu den Highlights des Jahrestreffens abgehalten. Auf einer hob Natalia Rost, Boston, Aktuelles zur Alzheimer-Demenz, zur Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) und MS hervor. Dazu und aus anderen Sessions hier eine – notgedrungen sehr begrenzte – Auswahl.

GBS nach Zika-Virus

Eine kleine Studie legt nahe, dass die Zika- Virus-Infektion gehäuft mit einem Guillain-Barré Syndrom (GBS) und vielleicht auch anderen autoimmunologisch bedingten ZNS-Erkrankungen einhergeht. Wie Maria Lucia Brito Ferreira, Recife/ Brasilien berichtete, fanden sich unter 151 klinisch auffälligen Patienten (Dez. 2014 bis Juni 2015) bei sechs Infizierten neurologische Symptome. So wurde bei zwei Patienten eine akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) mit den klassischen Läsionen der weißen Substanz diagnostiziert und bei den übrigen vier ein GBS. Bei fünf der sechs Patienten persistierten motorische Symptome auch nach der Entlassung. Dies sind andere Komplikationen, als in bisherigen Studien gesehen wurde, betonte Ferreira in Vancouver. „Gegenwärtig scheint es, dass ADEM-Fälle nicht mit der gleichen hohen Inzidenz auftreten wie ein GBS“, bemerkte James Sejvar von den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta, doch […] „wir sollten im Hinblick auf ein mögliches ADEM und andere immunvermittelte ZNS-Erkrankungen wachsam bleiben”.

Hirnverletzungen im Football

In den USA ein äußerst populäres Thema ist die Gefahr von Hirnschädigungen bei Sportlern, inbesondere Football-Spielern. Eine Studie zeigt nun, dass die Gefahren noch viel größer sind als bisher gedacht. Danach sind mehr als 40% der ehemaligen Spieler der National Football League (NFL) betroffen. Dies hatte jetzt eine „Reihenuntersuchung“ mittels Diffusion Tensor Imaging (DTI) an 40 Spielern ergeben, so Studienautor Francis X. Conidi, Tallahassee/Florida. Die jetzt durchschnittlich 36-Jährigen hatten zwei bis 17, im Durchschnitt sieben Jahre in der NFL gespielt. 17 (42,5%) wiesen im DWI pathologische Hirnveränderungen auf, die mit den gespielten Jahren korrelierten, und 12 (30%) im konventional MRT. Parallel dazu fanden sich erhebliche Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration (42%), exekutiven Funktionen (50%), Gedächtnis (45%) etc.

5-HT6-Antagonist gegen Alzheimer

Dieser Vortrag wurde von Rost hervorgehoben: Idalopirdin (Lu AE58054, Lundbeck), ein Antagonist am Serotoninrezetptor-Subtyp 6 (5-HT6), hat sich als Add-on zum Cholinesterase- Hemmer Donepezil in einer Phase-II-Studie an 278 Azheimer-Patienten als wirksam und sicher erwiesen, berichtete Alireza Atri, San Francisco. Über 24 Wochen kam es unter 3 x 30 mg/d u. a. in der kognitiven Beeinträchtigung nach ADAS-Cog zu einer Besserung um 0,77 Punkte, während sich die Placebogruppe um 1,38 Punkte verschlechterte. Wichtigste Nebenwirkung war eine vorübergehende leichte Erhöhung der Leberenzym-Werte bei etwa 10% der Patienten. Zu Idalopirdin wird jetzt ein großes weltweites Phase-III-Studienprogramm aufgelegt, bei dem Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz (MMST: 12–22 Punkte) eine (reduzierte) Dosis von 10–60 mg/d als Zusatztherapie zu einem Cholinesterase- Hemmer erhalten. Das Programm umfasst drei 24-wöchige placebokontrollierte Doppelblindstudien, die insgesamt etwa 2500 Patienten einschließen werden, sowie 6- bis 12-monatige offene Verlängerungen mit etwa 1700 Patienten. Gegen die Alzheimer-Erkrankung wird es wohl nie eine „Magic bullet" geben, betonte Atri, „daher hat eine medikamentöse Kombinationstherapie auch langfristig die realistischsten Aussichten, die Symptome der Patienten zu lindern und ihre Lebensqualität zu verbessern“. Der 5-HT6-Rezeptor moduliert u. a. die kognitionsrelevanten Transmitter Glutamat und GABA, und hat damit einen anderen Ansatz als die etablierten Antidementiva, einschließlich Memantin.

Dextromethorphan bei ALS/PBA

Die symptomatische Therapie mit Dextromethorphan/ Quinidin (DM 20 mg/Q10 mg) kann bulbäre Symptome wie Sprech- und Schluckstörungen von ALS-Patienten reduzieren, schilderte Richard Smith, La Jolla/Kalifornien. Nach Randomisierung erhielten 60 ALS-Patienten je einen Monat lang DM/Q oder Placebo und vice versa. Im primären Endpunkt, der Selbstbeurteilungsskala Center for Neurologic Study-Bulbar Function Scale (CNS-BFS) kam es unter DM/Q zu einer signifikanten Besserung (53,45 vs, 59,31 Punkte; p = 0,0003). Dabei sprachen alle drei Domänen der Bulbärsymptomatik an: Sprache, Schlucken und Salivation. Die Therapieeffekte waren unabhängig vom Vorliegen einer pseudobulbären Affektstörung (PBA), unter der ca. die Hälfte der Studienteilnehmer litt, so Smith. DM aktiviert den Sigma-1- und antagonisiert den NMDA-Rezeptor. Es wird ein direkter Effekt auf die motorischen Neuronen des Hirnstamms vermutet.

In der ebenfalls beim AAN vorgestellten offenen Studie PRISM II zu einem sekundären PBA bei Patienten mit Demenz, Schlaganfall und Hirnverletzung kam es bei den 298 auswerbaren Teilnehmern unter 2 x tägl. DM/Q (20/10 mg) an Tag 90 zu einer signifikanten Besserung des Scores der Center for Neurologic Study ‒ Lability Scale (CNSLS) um 7,7 Punkte (p < 0,001). Die PBA-Episoden pro Woche wurden um 73% reduziert (p < 0,001) und der klinische Globalzustand sowie die Lebensqualität deutlich verbessert. Häufigste Nebenwirkungen waren Diarrhö, Kopfschmerz und Harnwegsinfektionen.

NEDA in OPERA I und II

Von Rost wurde auf der AAN-Pressekonferenz auch auf einen MS-Beitrag hingewiesen: In der Clinical Trials Plenary Session stellte Anthony L. Traboulsee, Vancouver, eine neue Auswertung der beiden Phase-III-Studien OPERA I und II zu Ocrelizumab (alle 24 Wochen 600 mg i.v.) bei Patienten mit schubförmiger MS (RRMS) vor. Nach 96 Wochen erreichten den Status „No Evidence of Disease Activity“ (NEDA) 47,9% bzw. 47,5%, unter dem Vergleichmedikament IFNß- 1a (3 x 44 μg/Woche) aber nur 29,2% bzw. 25,1%. „Dies repäsentiert eine relative Zunahme einer verhinderten Krankheitsaktivität um 64% bzw. 89%“, so der Experte. Der dem aktiven Vergleichsmedikament überlegene Therapieffekt betraf alle vier zugrundegelegten NEDA-Kriterien: klinische Schübe, Behinderungsprogression, Gd-anreichernde T1-Läsionen und neue/ vergrößerte T2-Läsionen. Letztere waren, wie Traboulsee hervorhob, bereits in Woche 24 bei ≥ 96% aller mit Ocrelizumab behandelten Patienten nicht mehr aufgetreten. Dies traf aber nur auf 60,8%–70,9% der Patienten der IFNß1a- Gruppen zu. Die Daten unterstreichen die hohe Wirksamkeit des noch nicht zugelassenen Anti- CD-20-Antikörpers.

Anti-CD52-Antikörper: RNFL-Dicke

Die optische Kohärenztomographie (OCT) wird – zumindest zu Forschungszwecken – bei MS-Patienten immer häufiger eingesetzt. Normalerweise verdünnt sich die retinale Nervenfaserschicht (RNFL) im MS-Verlauf progredient. Nun zeigt eine explorative Studie an 26 RRMS-Patienten erstmals, dass Alemtuzumab darauf einen Einfluss hat: In der prospektiven Studie kam es unter der Behandlung mit dem Anti-CD52-Antikörper im Zweijahreszeitraum bei allen 52 Augen – also unabhängig vom Vorliegen einer Optikusneuritis – zu einem signifikanten Anstieg der durchschnittlichen RNFL-Dicke um 1,5 μm (95%-KI: 0,2–2,9; p = 0,032) . Die Behandlung könnte also, so die Autoren des Posters (P3.083), die retinalen Axone vor den neurodegenerativen MSProzessen schützen.

TSC: Everolimus als Add on

In der Clinical Trials Plenary Session wurden auch die Ergebnisse der randomisierten placebokontrollierten Phase-III-Studie EXIST-3 (n = 366) zur Behandlung therapierefraktärer Krampfanfälle bei Patienten mit tuberöser Sklerose (TSC) vorgestellt. Wie Jacqueline A. French, New York, berichtete, kam es bei den weiterhin antiepileptisch behandelten Patienten (median 37,5 Anfälle pro 28 Tage) unter Everolimus (EVE) im medianen Anteil an TSC-Anfällen zu einer signifikant größeren Reduktion: Sie gingen gegenüber -14,9% unter Placebo um 29,3% (p = 0,003) unter niedrig dosiertem EVE (3–7 ng/ml) und um 39,6% (p < 0,001) unter hoch dosiertem EVE (9–15 ng/ml) zurück. Den primären Endpunkt Response (= Anfallsreduzierung ≥ 50%) erreichten 28,2% (p = 0,008) bzw. 40% (p < 0,001) versus 15,1% unter Placebo. Häufigste Nebenwirkungen der hochdosierten EVE-Zusatztherapie waren (absteigend) u. a. Stomatitis (30,8%), Diarrhö (21,5%), Mundschleimhautulcera (21,5%), Nasopharyngitis (16,2%) und Infektionen der oberen Atemwege (15,4%). Dessen ungeachtet waren nebenwirkungsbedingte Therapieabbrüche mit 5,1% bzw. 3,1% (Placebo: 1,7%) verhälnismäßig selten. French betonte, dass Everolimus auch eine Option für Patienten mit fokalen kortikalen Dysplasien und bestimmten anderen Epilepsieformen sein könnte.

AAN-Guideline-Update zu BoNT

Die AAN hat ihre Richtlinien von 2008 zum Einsatz von Botulinum-Neurotoxin (BoNT) bei Dystonien, Spastizität, Kopfschmerz und anderen neurologischen Indikationen jetzt überarbeitet. Wie David M. Simpson, New York, und Mark Hallett, Washington, auf einer eigenen Pressekonferenz berichteten, sind gegen Blepharospasmus OnabotulinumtoxinA (onaBoNT-A; Botox®) und IncobotulinumtoxinA (incoBoNT-A; Xeomin®) „wahrscheinlich wirksam“ (Level-B-Evidenz), während AbobotulinumtoxinA (aboBoNT-A; Dysport®) „möglicherweise wirksam“ ist (Level C). Bei zervikaler Dystonie (CD) werden AboBoNT-A und RimabotulinumtoxinB (rimaBoNT-B; Myobloc®) als wirksam eingeschätzt (Level A) und empfohlen, und onaBoNT-A und incoBoNT-A als „wahrscheinlich wirksam“ (Level B) eingestuft. Bei Erwachsenen mit Spastizität wird AboBoNT-A, IncoBoNT-A und onaBoNT-A „Wirksamkeit“ (Level A) attestiert und ihre Anwendung empfohlen, während rimaBoNT-B als „wahrscheinlich wirksam“ (Level B) bei Spastizität der oberen Gliedmaßen klassifiziert wird. Bei chronischer Migräne wird OnaBoNT-A als „wirksam“ eingestuft und zur Ausweitung kopfschmerzfreier Tage (Level A) empfohlen, sowie in der Verbesserung der Lebensqiúalität als „wahrscheinlich wirksam“ (Level B) bezeichnet. Dieses BoNT erhält jedoch bei episodischer Migräne mit höchstem Evidenzgrad die Einstufung „unwirksam“ (Level A) und ist bei Patienten mit chronischem Spannungskopfschmerz „wahrscheinlich unwirksam“ (Level B). Details und weitere Empfehlungen siehe Neurology 2016; 86(19): 1818-26.

Viele weitere Highlights...

Weitere Beiträge befassten sich mit Valbenazin gegen Spätdyskinesien, Armodafinil gegen die Apathie bei Lewy-Body-Demenz, Effekten von Antisense-Oligonukleotiden bei Huntington-Patienten, neuen EDSS-Daten zu Cladribin bei MS aus der CARITY-Studie, Myelin-Reparatur durch das Antihistaminikum Clemastin und, und, und... Die AAN-Website (www.aan.com/conferences/2016-annual-meeting) bietet erfreulicherweise auf etliche Inhalte freien Zugriff. JL


ICD-Codes: G30 G35 G12.2 G61.0

Das könnte Sie auch interessieren

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.