Alkohol doch schädlicher als gedacht? | Neuro-Depesche 9/2017

Hirnstruktur und Kognition schon bei moderatem Konsum beeinträchtigt

Epidemiologischen Studien zufolge geht ein geringer bis moderater Alkoholkonsum gegenüber einer Abstinenz mit diversen Gesundheitsvorteilen wie z. B. einer verringerten Inzidenz von Herzinfarkten, Schlaganfällen und Demenz einher. Nun spricht eine viel beachtete britische Langzeitstudie über 30 Jahre schon bei „normalen“ Trinkmengen für relevante Hirnveränderungen und kognitive Beeinträchtigungen.

Aus der Bildgebungs-Substudie der bevölkerungsbasierten britischen Whitehall-II-Beobachtungsstudie konnten 523 Männer und Frauen ausgewertet werden. Sie waren bei Studieneinschluss durchschnittlich 43 Jahre alt und nicht alkoholabhängig. Über 30 Jahre (1985–2015) lang waren bei ihnen wöchentlich der Alkoholkonsum (1 Einheit: 10 ml oder 8 g reiner Alkohol) erfasst und regelmäßig die kognitiven Leistungen geprüft worden. Zwischen 2012 und 2015 wurden per MRT das Hippokampus- Volumen, die Dichte der grauen Substanz und die Mikrostruktur der weißen Substanz erfasst.
Ein stärkerer Alkoholkonsum ging über die 30 überblickten Jahre mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für eine rechtsseitige Hippokampus- Atrophie (HKA) einher, und zwar dosisabhängig: Gegenüber der Gruppe der Abstinenten war das Risiko bei einem hohen Konsum (> 30 Einheiten/Woche) um fast das Sechsfache erhöht (Odds Ratio: 5,8; 95%-KI: 1,8–18,6; p ≤ 0,001). Doch auch bei einem mittleren Konsum (14–21 Einheiten/Woche) war das HKA-Risiko um mehr als das Dreifache und signifikant erhöht (OR: 3,4; 95%-KI: 1,4–8,1; p = 0,007). Die Autoren heben hervor, dass ein geringer Konsum (hier 1 bis < 7 Einheiten/ Woche) das Risiko zwar nicht signifikant erhöhte (OR: 1,5; p = 0,3), doch gegenüber der Abstinenz-Gruppe auch keinerlei protektive Effekt hatte.
Darüber hinaus ging ein stärkerer Alkoholkonsum auch mit Veränderungen der Mikrostruktur des Corpus callosum und einer schnelleren Verschlechterung der lexikalischen Wortflüssigkeit einher. Keine Zusammenhänge fanden sich mit den Querschnittsresultaten zur kognitiven Gesamtlistungsfähigkeit (zum Zeitpunkt der MRT-Scans) sowie den Langzeitveränderungen der semantischen Flüssigkeit oder der Worterinnerung. HL

Kommentar

Auch bei moderaten Trinkmengen geht ein Alkoholkonsum offenbar mit hirnstrukturellen Veränderungen wie des (u. a. gedächtnisrelevanten) Hippokampus und einem schnelleren kognitiven Abbau einher. Diese Ergebnisse sollten sich, so die Autoren, nicht zuletzt auf die „unbedenklichen“ Trinkmengen in Leitlinienempfehlungen auswirken.

Quelle:

Topiwala A et al.: Moderate alcohol consumption as risk factor for adverse brain outcomes and cognitive decline: longitudinal cohort study. BMJ 2017; 357: j2353 [Epub 6. Juni; doi: 10.1136/bmj.j2353]

ICD-Codes: F10.1

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