Migräne bei Frauen | Neuro-Depesche 9/2016

Hirn und Herz massiv gefährdet

Dass Frauen mit Migräne ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle aufweisen, wurde jetzt in einer Auswertung der großen prospektiven Kohortenstudie Nurses’ Health Study II bestätigt. Die massiv erhöhten Risiken für zerebro- bzw. kardiovaskuläre Komplikationen und Tod sprechen für einen dringenden Handlungsbedarf.

Zu Beginn der Nurses’ Helath Study II litten unter den 115 541 Krankenschwestern (25 bis 42 Jahre alt) ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen 17 531 Teilnehmerinnen unter einer Migräne. In den Jahren 1989, 1993 und 1995 wurden die Frauen zu einer ärztlich diagnostizierten Migräne befragt. Im Laufe der Studie erhielten weiteren 6389 Frauen diese Diagnose. In zweijährigen Intervallen wurden per Fragebogen Informationen zu neu aufgetretenen Herz-Kreislauf- Erkrankungen eingeholt.
In der mehr als 20-jährigen Nachbeobachtungszeit wurden 2011 678 Herzinfarkte und 651 Schlaganfälle sowie 223 Todesfälle registriert. Nach Adjustierung auf verschiedene Risikofaktoren wie Alter, Hypercholesterinämie, Hypertonie, Body Mass Index, Rauchen, Bewegungsmangel und Einnahme oraler Kontrazeptiva hatten die Migränepatientinnen im Vergleich zu den Frauen ohne Migräne ein signifikant um 50% erhöhtes Risiko für ein schweres vaskuläres Ereignis wie Schlaganfall, Herzinfarkt und zerebro-/kardiovaskulär bedingter Tod (Hazard Ratio 1,50, 95%-KI: 1,33–1,69).
Die multivariate Analyse ergab eine Risikoerhöhung für Myokardinfarkte um 39% (HR: 1,39; 95%-KI: 1,18–1,64), für Schlaganfälle um 62% (HR: 1,62; 95%-KI: 1,37–1,92), für Angina pectoris/ koronare Revaskularisierung um 73% (HR: 1,73; 95%-KI: 1,29–2,32). Die zerebro-/kardiovaskuläre Mortalität war sehr deutlich um 37% erhöht (HR: 1,37, 95%-KI: 1,02–1,83).
Subgruppenanalysen zeigten, dass Alter, Einnahme oraler Kontrazeptiva, Rauchen und Blutdruck die Risiken nicht wesentlich beeinflussten. Wurden ausschließlich die Daten jener Frauen ausgewertet, die bereits zu Studienbeginn, also seit längerer Zeit, unter einer Migräne gelitten hatten, erhöhte sich das Risiko für schwere Ereignisse noch einmal um 57%: für Myokardinfarkte um 39% und für Schlaganfälle besonders massiv um 77%. GS

Kommentar

Aufgrund der eindeutigen Resultate fordern die Autoren, dass Frauen mit Migräne verstärkt auf zerebro- bzw. kardiovaskuläres Risiko gescreent werden sollen. Welche Pathomechanismen dem erhöhten Risiko zugrundeliegen, ist ubekannt. Ungünstigere vaskuläre Bedingungen dürften es nicht sein, da die Auswertung ja auf solche Risikofaktoren adjustiert war. Sowohl für die Migräne als auch für vaskuläre Erkrankungen werden eine erhöhte Thrombogenität, Entzündungsprozesse und genetische Dispositionen diskutiert. Andere Studien deuten darauf hin, dass die Migräne zumindest teilweise als eine systemische Erkrankung betrachtet werden kann, die eben auch endovaskuläre Strukturen beeinträchtigt. Inwieweit eine Migräneprophylaxe risikoverringernd wirkt, sollte in weiteren Studien geklärt werden.

Quelle:

Kurth T et al.:Migraine and risk of cardiovascular disease in women: prospective cohort study. BMJ 2016; 353: i2610 [Epub 25.04.2016 doi: 10.1136/bmj.i2610]

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