27. ECNP-Kongress am 18. bis 21. Oktober 2014 in Berlin | Neuro-Depesche 1/2015

Highlights vom ECNP-Kongress

Die Jahrestagung des European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) ist der größte Kongress für angewandte Neurowissenschaften in Europa. Das breite Themenspektrum auf dem 27. ECNP-Treffen im Oktober 2014 in Berlin spiegelte erneut die vielen Facetten neuropsychischer Erkrankungen wider.

Es wurden sowohl Aspekte der Grundlagenforschung als auch der Diagnostik und Therapie sowie der Versorgungsqualität diskutiert.

Dysfunktionale GABAerge Netze

Depression und Angsterkrankungen sind mit Funktionsstörungen in der GABAergen Neurotransmission assoziiert. Sowohl in der NMR-Spektroskopie bei Patienten als auch in histologischen post-mortem-Untersuchungen wurde in Hirnregionen wie Neokortex und Hippokampus ein selektiver Verlust GABAerger Interneurone beobachtet. Diese Zellen innervieren unterschiedliche subzelluläre Domänen anderer Neurone und können so eine differenzielle Kontrolle auf die synaptische Integration, Plastizität und auf das exakte Timing der Auslösung und Übertragung von Erregungen ausüben. Stress als der wichtigste Vulnerabilitätsfaktor bei Depression und Angststörungen kann diese oszillierenden neuronalen Netzwerke über die Schädigung der GABAergen Interneurone beeinträchtigen.

Risikofaktoren für Rapid Cycling

Ob Antidepressiva bei Patienten mit bipolaren Störungen ein Rapid Cycling auslösen können, wird immer noch kontrovers diskutiert. Die Arbeitsgruppe von Prof. Eduard Vieta, Barcelona, hat nun in einer prospektiven Kohortenstudie bei 289 Patienten mit Bipolar-I und Bipolar-II-Erkrankungen nach potenziellen Risikofaktoren dafür gesucht. Während der bis zu 14-jährigen Behandlungsdauer entwickelten 48 Patienten (16,6%) ein Rapid Cycling. Als Risikofaktoren erwiesen sich die Gesamtzahl der Episoden (p < 0,001), atypische depressive Symptome (p = 0,004), die Durchführung einer Elektrokrampftherapie (p = 0,014), die Anzahl der verordneten Antidepressiva (p = 0,037) und Suizidversuche (p = 0,047). Zusammengefasst haben also Patienten mit einem chronischem Verlauf und schlechterem Outcome ein höheres Risiko für die Entwicklung eines raschen Phasenwechsels. Zudem wird bestätigt, dass die „Übertherapie“ mit Antidepressiva vermieden werden sollte. Neue Targets der Suchttherapie Die Suchtforschung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht und zu neuen Therapieansätzen geführt, berichtete Prof. Dr. Rainer Spanagel, Mannheim. Besonders deutlich werde dies auf dem Gebiet der Alkoholabhängigkeit, wo es zu einem Paradigmenwechsel gekommen sei – weg von vollständiger Abstinenz, hin zu einer flexibleren Modifizierung des Trinkverhaltens. Durch eine Kombination von pharmako- und verhaltenstherapeutischen Ansätzen sei es möglich, den gesundheitsschädigenden Alkoholkonsum zu reduzieren und die Extinktion des Suchtgedächtnisses zu beschleunigen. Eine weitere vielversprechende Therapieoption, hob Spanagel hervor, sei die tiefe Hirnstimulation – insbesondere für therapieresistente Patienten.

Neuroinflammation und Mikroglia

Dass Neuroinflammation mit verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen, insbesondere Schizophrenie, Depression und bipolaren Störungen, assoziiert ist und mit einer Aktivierung der Mikroglia einhergeht, gilt als unumstritten. Doch mittlerweile hat sich herausgestellt, dass die Mikroglia nicht nur immunmodulatorische Aufgaben im Gehirn wahrnimmt, sondern auch eine wichtige Komponente der Synapsen darstellt. Während die Zahl der Mikroglia-Zellen bei Patienten mit Depression gegenüber Gesunden reduziert ist, ist sie bei Patienten mit Schizophrenie deutlich erhöht. Wird die Mikroglia-Aktivierung pharmakologisch unterdrückt, kommt es in Tiermodellen der Depression und Schizophrenie zu einer Linderung der Symptomatik.

ROAMER – Fahrplan für psychische Gesundheit

Der Erhalt und die Förderung psychischer Gesundheit sowie die Prävention, Erkennung und Behandlung psychischer Störungen stellen in Europa zentrale Herausforderungen dar. Um eine koordinierte, interdisziplinäre und kollaborative Versorgungsforschung voranzutreiben, wurde die EU-finanzierte Forschungsinitiative „A Roadmap For Mental Health Research in Europe“ (ROAMER) ins Leben gerufen. Durch die multidisziplinäre Zusammenarbeit sollen eine europäische Agenda für die Erforschung der psychischen Gesundheit für die nächsten zehn Jahre entworfen und Prioritäten gesetzt werden. Um die Kapazitäten für eine hochqualitative Versorgungsforschung zu erweitern, wird ein integrierter Fahrplan angestrebt. Nach einer aktuellen Umfrage im Rahmen des ROAMER-Projektes bei 108 Fachgesellschaften haben folgende fünf Themen die höchste Dringlichkeit: Früherkennung und -therapie psychischer Erkrankungen, höhere Qualität der Versorgungsstrukturen, Prävention psychischer Erkrankungen, Rehabilitation und soziale Integration sowie die Entwicklung neuer Psychopharmaka.

ADHS: Hohe Komorbidät

Die Prävalenz einer ADHS bei Patienten mit psychischen Erkrankungen ist offenbar noch höher als angenommen. Darauf deuten die Ergebnisse von ADPSYC hin, einer multinationalen Beobachtungsstudie in mehreren europäischen Ländern einschließlich Deutschland. Teilnehmer waren 2284 psychisch kranke Erwachsene ohne Psychose (medianes Alter 42 Jahre). Basierend auf DSM-IV wurde bei 15,8% der Teilnehmer eine ADHS diagnostiziert, nach den neuen DSM-5-Kriterien sogar bei 17,4%. Die Betroffenen waren jünger als die übrigen Teilnehmer (35,0 vs. 42,9 Jahre), hatten häufiger Probleme im Alltag (66,2 vs. 41,2%), waren häufiger extrem deprimiert oder ängstlich (24,6 vs. 16,0%) und häufiger substanzabhängig (19,8% vs.12,6%). Die Ergebnisse belegen, dass eine ADHS bei psychiatrischen Patienten außerordentlich verbreitet und mit erheblichen Beeinträchtigungen verbunden ist. Dem müsse durch ein besseres Screening und gezielte Behandlung Rechnung getragen werden. AAA


ICD-Codes: F32.9 F31.9 F41.9 F20 F90.0

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