Jungen und Mädchen mit ADHS | Neuro-Depesche 1-2/2016

Häufiger online als Ersatz für soziale Kontakte?

Zertifizierte Fortbildung

Mehr oder weniger alle Jugendlichen verbringen einen Teil ihrer Freizeit mit Online-Aktivitäten. Unterscheiden sich die tendenziell sucht- und isolationsgefährdeten Adoleszenten mit ADHS darin von den Gleichaltrigen? Dies untersuchten schwedische Forscher.

Verglichen wurden dazu 102 Jugendliche mit ADHS im Alter zwischen 12 und 18 Jahren und 677 Nichterkrankte aus der Befragung „Kids and Media“ im Alter zwischen 12 und 16. In einem Questionnaire mit 14 Items wurden Freizeitgestaltung und Internet-Nutzung erfasst.
Tatsächlich tendierten die Jungen und Mädchen mit ADHS dazu, ihre Freizeit auf Internet- Aktivitäten zu fokussierten, insbesondere auf das Spielen. Deutlich häufiger als die Kontrollen spielten sie Computerspiele (68,6% vs. 85,8%) und Videospiele (68,6% vs. 85,8%) (je p < 0,001). In weiteren fünf Kategorien waren die Jugendlichen mit ADHS signifikant weniger aktiv als die Vergleichsgruppe: Freunde treffen (68,6% vs. 85,8%), Hausaufgaben machen (53,9% vs. 78,0%), Sport treiben (34,3% vs. 63,8) (je p < 0,001) sowie Zeitungen/Bücher lesen (34,3% vs. 63,8%) und Schauspielern/Tanzen (je p < 0,05). Obwohl in der ADHS-Gruppe jeweils seltener vorkommend ergaben sich keine signifikanten Unterschiede in Musikhören, Musizieren, Haushaltsverrichtungen, Haustierbetreuung etc.
Die Auswertung nach den Geschlechtern zeigte, dass der Unterschied im Computer-Gaming nur bei den Mädchen beider Gruppen signifikant war (52,4% vs. 21,0%; p < 0,05), nicht aber der zwischen den Jungen der ADHS- und Kontrollgruppe (beide zu ca. 65%). Dessen ungeachtet widmeten sich männliche Jugendliche mit ADHS signifikant seltener Hausaufgaben (50,6% vs. 72,0%; p < 0,001) und vor allem überaus seltener dem Sport (28,4 vs. 67,1%; p < 0,001) als die Jungen ohne ADHS. Freunde treffen war bei beiden Geschlechtern in der ADHS-Gruppe deutlicher seltener als bei den Kontrollen (Jungen: 70,4% vs. 85,0%; Mädchen: 61,9% vs. 86,6%; je p < 0,002).
Die beiden Kollektive unterschiedenen sich auch in den spezifischen Online-Aktivitäten: Jugendliche mit ADHS nutzen das Internet häufiger als die Kontrollen zum Online-Gaming, Communities aufsuchen und Pornographie anschauen (je p < 0,05). Deutlich seltener als die Kontrollgruppe nutzen sie es, um zu chatten und Hausaufgaben zu machen (je p < 0,05). JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar

Die ADHS-betroffenen Jugendlichen verbrachten mehr Zeit vor dem Computer und spielten vor allem häufiger Spiele. Sport und andere Aktivitäten betrieben sie seltener. Die Kausalität ist allerdings nicht belegt. Die Autoren erkennen in den Unterschieden keine wesentliche Vernachlässigung von sozialen Aktivitäten, vielmehr sehen sie bei den Jugendlichen eine Ausweitung der Freizeitgestaltung (in virtuelle Räume). Sie geben auch zu bedenken, dass die Internet-Aktivitäten für ADHS-Jugendliche im Gegensatz zu Face-to-face-Kontakten eine unproblematische und stets verfügbare Form der sozialen Interaktion darstellen.

Quelle:

Bolic Baric Vet al.: Internet activities during leisure: a comparison between adolescents with ADHD and adolescents from the general population. J Atten Disord 2015 pii: 1087054715613436 [Epub 25. Nov.; doi: 10.1177/10870547 15613436]

ICD-Codes: F90.0

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