Ältere mit Gedächtnisproblemen | Neuro-Depesche 10/2012

Gingko kann keine Demenz verhindern

Neben der Entwicklung wirksamer Antidementiva wären Ansätze zur Prävention der Alzheimer-Erkrankung äußerst wünschenswert. In einer großen randomisierten, plazebokontrollierten Doppelblindstudie wurde nun geprüft, ob die Langzeitgabe eines Ginkgo-biloba-Extraktes bei älteren Menschen mit Gedächtnisstörungen die Inzidenz einer Alzheimer-Erkrankung verringern kann.

In die französische Studie GuidAge wurden 2854 mindestens 70 Jahre alte Menschen eingeschlossen, die beim Hausarzt spontan über Gedächtnisprobleme geklagt hatten. Sie erhielten nach Randomisierung entweder zweimal täglich 120 mg des standardisierten Ginkgo-biloba-Extrakts EGb761 oder Plazebo und wurden über bis zu fünf Jahre von ihrem Hausarzt bzw. der Gedächtnisklinik nachbeobachtet. Eine Demenz wurde nach den Kriterien des DSM-IV oder des NINCDS-ADRDA gestellt. Untersucht wurden außerdem jedes Jahr Effekte auf kognitive Funktionen nach dem Mini Mental State Test (MMST), der Skala Clinical Dementia Rating (CDR) und visuell-räumlichen, verbalen und anderen Tests.

1406 Personen hatten mindestens eine Dosis des Ginkgo-Extraktes erhalten, 1414 mindestens eine Dosis Plazebo. Nach fünf Jahren hatten 61 Teilnehmer der Verumgruppe eine wahrscheinliche Alzheimer-Demenz entwickelt gegenüber 73 Fällen in der Plazebo-Gruppe (1,2 vs. 1,4 Fälle pro 100 Personenjahre). Die Erkrankungswahrscheinlichkeit (Hazard Ratio) lag in der Gingko-Gruppe bei 0,84 (95%-KI: 0,60–1,18), der Unterschied war aber nicht signifikant (p = 0,306). Das Alzheimer-Risiko erwies sich dabei im Verlauf als dysproportional, im fünften Jahr war der Unterschied zugunsten des Verums mit 1,51 vs. 3,01 Fällen pro 100 Personenjahre am größten (HR: 0,49; p = 0,034).

In weiteren sekundären Studienendpunkten wie der Sterblichkeit (76 vs. 82 Todesfälle; HR: 0,94; 95%-KI: 0,69–1,28; p = 0,68) oder der Schlaganfallinzidenz (65 vs. 60 Fälle; Risk Ratio: 1,12; 95%-KI: 0,77–1,63; p = 0,57) zeigten sich ebenfalls keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen. Dies traf auch auf die Inzidenz anderer Blutungen oder kardiovaskulärer Ereignisse zu. Das Medikament wurde gut vertragen, in der Nebenwirkungsinzidenz ergab sich zwischen den beiden Studienarmen ebenfalls praktisch kein Unterschied. JL

?! Bereits in der Ginkgo Evaluation of Memory (GEM) Studie mit knapp 3000 Teilnehmern hatte das pflanzliche Medikament bei älteren Menschen keinen Schutz vor einer Alzheimer-Demenz geboten. Dass die Ginkgo-Langzeitgabe auch das Studienziel einer reduzierten Konversion von Gedächtnisproblemen zur Alzheimer-Demenz vs. Plazebo über fünf Jahre verfehlte, könnte nach Ansicht der Autoren insbesondere daran liegen, dass die Demenz-Inzidenz geringer und die Studienabbruchrate höher war als erwartet. Der deutliche Behandlungseffekt im 5. Studienjahr könnte für eine sehr spät einsetzende Präventionswirkung sprechen, doch dies ist eine Spekulation.
Quelle: Vellas B et al.: Long-term use of standardised ginkgo biloba extract for the prevention of Alzheimer's disease (GuidAge): a randomised placebo-controlled trial., Zeitschrift: The Lancet neurology, Ausgabe 11(10) (2012), Seiten: 851-859

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