Chronischer Kopfschmerz | Neuro-Depesche 11/17

Gibt es prognostische Faktoren?

Werden Migräne und Spannungskopfschmerz chronisch, leidet die Lebensqualität der Betroffenen massiv. In einem systematischen Review befasste sich nun ein britisches Team mit möglicherweise prognostisch relevanten Faktoren für das Outcome von Patienten mit chronischen Kopfschmerzerkrankungen – sowohl in klinischen Studien als auch bezüglich der Gesamtprognose.

Ein chronischer Kopfschmerz wird ab 15 Tagen pro Monat über mehr als drei Monate definiert. Die Prävalenz einer chronischen Migräne in der Bevölkerung wird auf 1%–4%, die eines chronischen Spannungskopfschmerzes auf 2,2% geschätzt. Unter den Betroffenen leiden 25%–50% unter einem Medikamentenübergebrauchs- Kopfschmerz, dessen Bevölkerungsprävalenz etwa 1% beträgt. Um Prädiktoren der Prognose und des Therapieerfolgs in prospektiven klinischen Studien zu identifizieren, wurden 27 Studien ausgewertet: 17 (teils riesige) prospektive Kohortenbzw. Beobachtungsstudien und zehn randomisierte, kontrollierte Interventionsstudien (RCT) zur Attackenprävention mit Subgruppenanalysen. Insgesamt wurden die Daten von mehr als 40 000 Personen ausgewertet. Dabei war der chronische Kopfschmerz teils sehr verschieden definiert. Nach dem GRADE-Schema fand sich für keinen der möglichen Faktoren eine hochgradige Evidenz. Mit einer immerhin qualitativ mittelgradigen Evidenz ergaben sich folgende Merkmale als prognostische Faktoren für ein schlechtes Outcome der Patienten: Eine Depression (und teils auch Angst) ging mit häufigeren und schwereren Attacken, höherem Analgetika-Konsum, schlechterem Ansprechen, einer stärkeren kopfschmerzbedingten Alltagsbeeinträchtigung und einer schlechteren Lebensqualität einher. Ein Medikamentenübergebrauch zeigte ähnliche Effekte, auch im Hinblick auf die Langzeitprognose. In jeweils einer Studie wurde ein ungünstiger Einfluss von schlechtem Schlaf/Stress und von einer geringen „Selbstwirksamkeit“ im Umgang mit den Kopfschmerzen festgestellt. Mit nur geringer Evidenz (und teilweise gegensätzlichen Effekten!) wurden hohe Behandlungserwartungen, hohes Lebensalter, hohes Alter zu Krankheitsbeginn, hoher Body Mass Index, der Beschäftigungsstatus und verschiedene Kopfschmerzmerkmale wie Attackenfrequenz und -schwere als prognoserelevant identifiziert. Eine noch schlechtere, sehr geringe Evidenz hatten Merkmale wie Allodynie, Muskelschmerzen, Einseitigkeit des Kopfschmerzes und Typ des überkonsumierten Ergotamins/Analgetikums. JL

Kommentar

Die Evidenzen sind unbefriedigend: Bei teils konträren Effekten der einzelnen Merkmale fand sich bei Patienten mit chronischen Kopfschmerzerkrankungen als Prädiktoren einer schlechten Prognose das Vorliegen von Depression/Angst und Medikamentenübergebrauch noch die relativ beste Evidenz. Als positiv merken die Autoren an, dass diese Faktoren potenziell modifizierbar sind. Leider wurde nicht nach Kopfschmerztyp (Migräne oder Spannungskopfschmerz) unterschieden.


Quelle:

Probyn K et al für das CHESS Team: Prognostic factors for chronic headache: A systematic review. Neurology 2017; 89(3): 291-301

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