(Aus-)Bildungsstatus und DAT-Manifestation | Neuro-Depesche 10/2007

Gibt es die "kognitive Reserve" wirklich?

Nicht wenige Menschen, die zu Lebzeiten keine klinischen Demenzzeichen gezeigt haben, erfüllen autoptisch eindeutig die neuropathologischen Kriterien einer Demenz vom Alzheimer-Typ (DAT). Ob die zur Erklärung dieses Phänomens herangezogene These der „kognitiven Reserve“, d.h. der besseren Kompensation der degenerativen Veränderungen bei Menschen mit besserem (Aus-)Bildungsstatus, zutrifft, wurde nun in den USA untersucht.

2365 Personen erfüllten das Studieneinschlusskriterium einer neuropathologisch gesicherten DAT gemäß der Kriterien nach Khachaturian (K), nach dem National Institute of Aging (NIA)/Reagan Institute oder nach dem Consortium to Establish a Registry for Alzheimer Disease (CERAD). Daneben musste im letzten Jahr vor dem Tod mindestens eine klinische Demenz-Untersuchung durchgeführt worden sein, bei der die Teilnehmer 65 Jahre alt oder älter waren. Keine klinischen Demenzzeichen nach Maßgabe dieser letzten Untersuchung lagen bei 12%, 19% und 14% der nach K, NIA bzw. CERAD geprüften Kollektive vor.

In jeder dieser Gruppen fanden sich bei der Minderheit der klinisch Nicht-Demen­ten vermehrt diffuse Plaques, wäh­rend bei den Dementen häufiger neuritische Plaques, neurofibrilläre Bündel („Tangles“) und ein APOEε4-Allel festgestellt wurden (je p < 0,0001). Jedoch ergab sich keine direkte Relation zwischen dem Grad der neuropathologischen Progres­sion und dem Ausbildungsstatus.

Der weitere Vergleich ergab, dass die klinisch Dementen im Durchschnitt zwei bis drei Ausbildungsjahre weniger aufwiesen. Mehr noch: Zwischen Demenz und Ausbildungsstand bestand ein linearer Zusammenhang. Pro zusätzliches Ausbildungsjahr ergab sich mit Odds Ratios von 0,82-0,87 eine relevante Minderung der Wahrscheinlichkeit für ihr Auftreten. Die klinisch diagnostizierte Demenz hatte dabei weder einen Bezug zum Geschlecht, IQ oder der Schlaganfall-Anamnese noch zur histopathologischen Einstufung, war aber – zumindest in der K- und CERAD-Gruppe – mit dem Vorhandensein einer Depression assoziiert.

Offenbar ermöglicht eine bessere Ausbildung tatsächlich, die objektiv bestehende Neurodegeneration in gewissem Umfang durch kompensatorische Mechanismen auszugleichen und die kognitiv präsymp­tomatische Phase der Alzheimer-Demenz zu verlängern. Damit ist auch gesundheitsökonomisch viel gewonnen. Die zugrunde liegenden Mechanismen könnten in verbesserten Verarbeitungsleistungen als Nebenprodukt der gegenstandsbezogenen Lernprozesse während der Ausbildung bestehen oder in besseren neuro­­-psychologischen Coping-Strategien. Andererseits könnten allerdings auch angeborene oder früh erworbene globale Vorteile in der Nutzung der neuronalen Netzwerke die entsprechenden Personen zu einem besseren Ausbildungsgrad gelangt haben lassen. Eine Klärung sollte prinzi­-piell nicht unmöglich sein.
Quelle: Roe, CM: Education and Alzheimer disease without dementia: support for the cognitive reserve hypothesis, Zeitschrift: NEUROLOGY, Ausgabe 68 (2007), Seiten: 223-228

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