Multiple Sklerose, Darmentzündung, Gelenkrheuma | Neuro-Depesche 10/2020

Gehäuft soziale Phobie bei Autoimmunerkrankungen

Psychische Störungen sind bei körperlich Erkrankten häufiger als bei Gesunden. Psychosomatisch orientierte Ärzte in Kanada spannten zur Erfassung der sozialen Phobie den Bogen über die sehr unterschiedlichen, jeweils aber immunvermittelten entzündlichen Krankheiten MS, „Inflammatory bowel disease“ (IBD) und rheumatoide Arthritis (RA). Die in weiten Teilen deskriptive Studie zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Ausgewertet wurden die Daten von 654 Patienten, die sich für die Rekrutierung einer kanadischen Kohortenstudie zu inflammatorischen Erkrankungen vorgestellt hatten. 254 litten an einer MS, 247 an einer IBD und 153 an einer RA. Alle unterzogen sich einem halbstrukturierten psychiatrischen Interview.
Im Gesamtkollektiv wiesen 12,8 % der Teilnehmer eine (lebenszeitliche) Diagnose einer sozialen Phobie auf. Dies ist deutlich höher als die Lebenszeitprävalenz in der kanadischem Bevölkerung von 8 % (2002). Ein größeres Risiko hatten u. a. Personen mit schlechterer Schulbildung (Odds Ratio: 1,78), mit komorbider Major Depression (OR: 2,79) oder generalisierter Angststörung (OR: 2,56). Die psychiatrische Komorbidität war dabei ein stärkerer Risikofaktor als alle soziodemographischen Merkmale.
Die soziale Phobie war bei den Patienten mit MS mit 10,2 % am seltensten. Bei den IBD-Patienten war sie mit 13,0 % häufiger und bei den RA-Patienten mit 17,0 % am häufigsten. Gegenüber Personen mit MS wiesen jene mit einer RA eine mehr als doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit für diese psychiatrische Störung auf (OR: 2,26), während der Unterschied zur IBD kleiner war.
Die Phobie war mit durchschnittlich 15 Jahren aufgetreten. Während das Erkrankungsalter in der IBD- und RA-Gruppe vergleichbar ausfiel, war die Prävalenz bei den jüngeren MS-Patienten höher als bei den älteren (p = 0,004). Frauen waren insgesamt häufiger von einer sozialen Phobie betroffen als Männer (13,4 % vs. 11 %), doch die Unterschiede waren weder im Gesamtkollektiv noch in den drei Krankheitsgruppen signifikant.
Die am häufigsten Angst hervorrufenden Situationen waren bei den drei Immunerkrankungen unterschiedlich: Sprechen in der Öffentlichkeit provozierte am häufigsten Angst, besonders bei den MS-Patienten. Dies könnte auf die bei dieser Erkrankung oft bestehenden kognitiven Probleme einschließlich einer verlangsamten Verarbeitungsgeschwindigkeit sowie auf die bei MS in späteren Stadien anzutreffende Dysarthrie beruhen.
Dass die häufige, mit anderen psychiatrischen Störungen wie Angst und Depression oft komorbide soziale Phobie lebensgeschichtlich meist vor der MS, IBD und RA auftrat, legt den Autoren zufolge pathophysiologische Gemeinsamkeiten nahe, die am ehesten im Immungeschehen zu suchen sind. HL
Quelle: Reinhorn IM et al.: Social phobia in immune-mediated inflammatory diseases. J Psychosom Res 2020; 128: 109890 [Epub 2. Dez. 2019: doi:10.1016/j.jpsychores. 2019.109890]
ICD-Codes: G35,M06.9

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