7th Congress of the European Academy of Neurology – Virtual 2021

Neuro-Depesche 7-8/2021

Europäische Neurolog(inn)en online vereint

Der inzwischen siebte Kongress der European Academy of Neurology (EAN) musste nun schon zum zweiten Mal rein virtuell durchgeführt werden. Dies tat der Themenvielfalt und dem Gesamtumfang der Vorträge und Präsentationen und nicht zuletzt der Zahl industrieller Satellitensymposien keinen Abbruch – vielleicht sogar im Gegenteil. Die technische Qualität war erfreulich gut, beispielsweise ließ sich anstandslos zwischen verschiedenen Live-Streams wechseln. Das EAN-Motto lautete diesmal „Towards Precision Neurology“.
Hier einige Beiträge aus der – vor Kongressbeginn gehaltenen – Pressekonferenz der EAN sowie aus der abschließenden Highlight-Session, aus Postern und anderen Formaten.
 
Der „Mozart-Effekt“ bei Epilepsie
18 therapierefraktäre Kandidaten für einen epilepsiechirurgischen Eingriff im Alter von 19 bis 55 Jahren (15 mit einer Temporallappen-Epilepsie) wurden in die Pilotstudie aufgenommen. Ihnen wurden an alternierenden Tagen die Sonate für zwei Klaviere KV448 von Mozart und Haydns Überraschungssymphonie Nr. 94 vorgespielt. Alle reagierten auf die Musik. Anhand der Aufzeichungen durch die bereits in den temporalen Kortizes implantierten Elektroden zeigte sich, dass epileptiforme Entladungen (ED) im EEG durch Mozarts Stück reduziert wurden: Die EDs sanken um 32 % (von 28 vor auf 19 während der Exposition) und stiegen danach wieder (auf 21) an. Überraschenderweise kam es unter der Beschallung mit Haydns Musik zu einem Anstieg der ED (von 23 vor auf 26 während und nach der Exposition). Frauen und Männer reagierten dabei sehr unterschiedlich: In der Gruppe der Patientinnen nahmen die ED auch unter dem Haydn-Stück leicht ab, bei den Männern dagegen deutlich zu. Die akustische Analyse zeigte in der Sonate von Mozart ein insgesamt harmonischeres, eher gleichbleibendes Klangspektrum mit weniger Dissonanzen. Um den „Mozart-Effekt“ klinisch nutzen zu können, bedarf es weiterer Studien mit genauerer Charakterisierung der Musik wie auch der Patienten.
 
Vermehrt Schwangerschaftskomplikationen bei Migräne-Patientinnen
Bei Schwangeren, die an einer Migräne leiden, ist die Wahrscheinlichkeit geburtshilflicher und postnataler Komplikationen gegenüber Frauen ohne diese Kopfschmerzerkrankung deutlich erhöht, besonders bei jenen mit einer Aura. Dies ergab eine in Israel durchgeführte Studie, in der die Erstschwangerschaften (2014 und 2020) von 145.102 Frauen ausgewertet wurden. 12.222 Frauen litten unter Migräne und 1.576 unter einer Migräne mit Aura. So mussten 6,0 % der Frauen ohne Migräne aufgrund einer Risikoschwangerschaft stationär behandelt werden. Unter den Schwangeren mit Migräne ohne Aura waren es aber 6,9 % und bei jenen mit Migräne und Aura sogar 8,7 %. Schwangere Migränepatientinnen hatten außerdem ein signifikant erhöhtes Risiko, während der Schwangerschaft die Diagnose eines Diabetes mellitus, einer Hyperlipidämie oder Thrombose (je p < 0,0001) oder einer psychiatrischen Krankheit wie Depression zu erhalten. Unter der Geburt war bei ihnen die Rate an Epiduralanästhesien deutlich höher (p < 0,0001). Die Schwangeren mit Migräne stellten sich u. a. häufiger bei Gynäkologen, Neurologen und Hausärzten vor, unterzogen sich häufiger Laboruntersuchungen und erhielten mehr Medikamente.
Angesichts dieses Gesamtbildes sollten Schwangerschaften von Frauen mit Migräne grundsätzlich als „Hochrisikoschwangerschaften“ eingestuft und vom ersten Trimester bis zur Geburt intensiv betreut werden, ist das Fazit der Autoren. Zusätzlich besonders gefährdet sind offenbar ältere Frauen, jene mit Zwillings- oder Mehrlingsschwangerschaft, Multipara und jene mit Komplikationen während einer früheren Gravidität. Dies trifft auch auf Migräne-kranke Schwangere mit verschiedenen vorbestehenden Krankheiten wie Diabetes, Epilepsie und Bluthochdruck zu.
 
Fatigue-Erfassung im Real life mit dem FSIQRMS
Ein neuartiges Instrument zur Messung der Fatigue und ihrer Auswirkungen der Fatigue bei Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose (RMS) stellte ein international zusammengesetztes Neurologenteam vor. Der RMS-spezifische Fatigue Symptoms and Impacts Questionnaire – Relapsing Multiple Sclerosis (FSIQ-RMS) ist ein 7-Punkte-Fragebogen, der sieben Tage lang täglich die selbstberichteten Effekte der Fatigue in drei Domänen (körperlich, kognitiv/emotional, Coping) erfasst (0–100: höhere Punktzahl = höherer Schweregrad). An einer prospektiven, nicht-interventionellen Studie nahmen je 300 RMS-Patienten aus den USA und 109 aus der EU teil (je > 80 % Frauen), die durchschnittlich 43 Jahre alt waren und bei denen die RMS im Alter von ca. 32 Jahren diagnostiziert worden war. Beide Kohorten beschrieben die Fatique - neben Gehschwierigkeiten – als das Symptom mit den stärksten Auswirkungen auf das Alltagsleben. Die Teilnehmer erreichten im Durchschnitt 57,3 bzw. 59,7 Punkte für die FSIQ-RMS-Symptomdomäne und Werte zwischen 42 und 55 Punkten in den drei Subdomänen. Die FSIQ-RMS-Scores spiegelten nach einer Impact-Scale gut den großen Einfluss der Fatigue auf die Fähigkeit, tägliche Aktivitäten auszuüben (6,9 bzw. 6,7 von 10) und am sozialen Leben teilzunehmen (6,8 bzw. 6,5 von 10). Für die Einsetzbarkeit des FSIQ-RMS spricht, dass der gemessene Fatigue-Grad u. a. nicht von der Krankheitsdauer oder der Art der krankheitsmodifizierenden MS-Therapie abhing.
 
Sialorrhoe korreliert mit der Parkinson-Schwere
In einer retrospektiven Studie untersuchten Ärzte aus Tirana/Albanien die Prävalenz einer Sialorrhoe bei 106 Parkinson-Patienten (58,5 % Männer) und ihre Bezüge zu klinischen Merkmalen. 65 (64,4 %) wiesen ein „Drooling“ (Score > 1 im Item 6 der UPDRS-II-Skala) auf und 36 (35,6 %) nicht. Es fand sich nicht nur eine erhöhte Rate an Atemwegsentzündungen, sondern auch eine deutliche Korrelation zwischen dem Speichelfluss und der Parkinson-Schwere: Die Parkinson-Patienten mit Sialorrhoe waren in der Motorik (UPDRS III) im On (p = 0,002) und im Off (p = 0,03) signifikant stärker beeinträchtigt als Patienten ohne Sialorrhoe. Ein erhöhter Speichelfluss ging auch mit stärkeren nicht-motorischen Problemen einher. So waren nicht nur die Sprachstörungen (p < 0,0001) und die Schluckstörungen (p < 0,05) signifikant schwerer, die Betroffenen wiesen auch in der Non-Motor Symptom Scale (NMSS) insgesamt und in den SCales for Outcomes in PArkinson’s disease für autonome Störungen (SCOPA-AUT) sehr viel schlechtere Werte auf als die Patienten ohne Sialorrhoe (p = 0,0008 bzw. p = 0,003). Interessanterweise zeigte sich kein Zusammenhang mit der Kognition oder dem Schlaf der Teilnehmer. Schließlich war bei den Sialorrhoe-Patienten auch die Lebensqualität nach dem Parkinson Disease Questionnaire (PDQ-39) deutlich stärker beeinträchtigt (p = 0,049). Angesichts der engen Verbindungen mit belastenden Symptomen sollte eine Sialorrhoe frühzeitig erkannt und adäquat behandelt werden.
 
Wann geben Alzheimer-Patienten das Fahren auf?
Eine griechische Arbeitsgruppe untersuchte 28 Patienten (26 Männer) mit leichter Alzheimer-Erkrankung im Durchschnittsalter von 74 Jahren über vier Jahre, um Prädiktoren für den Verzicht aufs Autofahren zu identifizieren. 25 der 28 Teilnehmer (90 %) hatten das Fahren (nach durchschnittlich 13 Monaten) aufgegeben. Hauptgrund war bei 64 % der Wunsch des Angehörigen, bei 18 % der eigene Entschluss und bei 14 % der ärztliche Rat. 60 % der Patienten hatten im Nachbeobachtungszeitraum mindestens ein gefährliches Ereignis wie Unfall, Beinahe-Unfall, Orientierungslosigkeit. Als wesentlicher Prädiktor für den späteren Fahrverzicht stellte sich der initiale Score für die instrumentellen Alltagsaktivitäten (IADL) und die Zeit im Tandem Walking Test (TMT-A) heraus. Letztere war auch eng mit der Sterbewahrscheinlichkeit assoziiert (p = 0,001). JL
ICD-Codes: G40.9 , G43.9 , G93.3 , G20
Urheberrecht: EAN
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