Sexuelle Funktionsstörungen

Neuro-Depesche 4/2012

Es gibt durchaus Therapiemöglichkeiten

Ein häufiges nicht-motorisches, meist verschwiegenes Symptom bei Männer und Frauen mit Morbus Parkinson ist die sexuelle Dysfunktion. Die Lebensqualität der Patienten und ihrer Partner wird dadurch oft erheblich beeinträchtigt. In einem Review wurden die Therapiemöglichkeiten zusammengefasst.

Männer berichten häufig von Hypersexualität, erektiler Dysfunktion und Ejakulationsproblemen, Frauen über Scheidentrockenheit und unfreiwilligem Harnabgang während des Verkehrs. Bei beiden Geschlechtern können Tremor, Mimikstörungen, Rigor, Bradykinesie, gestörte Feinmotorik, Dyskinesien, Hypersalivation und übermäßiges Schwitzen die sexuelle Aktivität beeinträchtigen. Für die organischen und/oder psychisch bedingten Störungen existieren verschiedene Therapien:

❚ Generell sollte bei der Medikation nach Ursachen gesucht werden: Anticholinergika können zu Scheidentrockenheit, verzögertem Samenerguss oder Erektionsschwäche führen. Letztere kann z. B. auch durch Betablocker verursacht werden. Eine Umstellung der Medikamente kann in nicht wenigen Fällen die Probleme mindern.

❚ Hypersexualität oder zwanghaftes sexuelles Verhalten sind, vor allem bei Männern, oft dosisabhängige Nebenwirkungen einer dopaminergen Therapie, insbesondere mit Dopaminagonisten. Eine vertretbare Dosisverringerung lindert in der Regel auch diese Symptome. Die Störung ist mit einem frühen Krankheitsbeginn oder einer Depression assoziiert.

❚ Bei erektiler Dysfunktion können PDE5-Inhibitoren wie Sildenafil helfen. Die Wirkung setzt nach etwa 1 h ein und kann zwischen 30 min und 4–6 h anhalten. Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Verdauungsprobleme. Männer mit Hypotonie (<50/90 mmHg), Retinitis pigmentosa oder Priapismus-Vorgeschichte wird von der Einnahme abgeraten.

❚ Bei Erektionsproblemen konnte bis vor einigen Jahren auch niedrigdosiertes Apomorphin eingesetzt werden (2004/05 vom Markt genommen). Nach der sublingualen Einnahme von 2–4 mg kommt es bereits nach 10–25 min zu einer Erektion. Häufigste Nebenwirkung ist Übelkeit.

❚ Bei Resistenz gegenüber oralen Medikamenten besteht u. U. die Möglichkeit zur intrapenilen Injektion vasoaktiver Substanzen (Prostaglandin E1, Papaverine). Die Erfahrungen mit der Schwellkörper-Auto-Injektions-Therapie (SKAT) bei Parkinson-Patienten sind aber nur gering. Alprostadil kann in kleinen Dosen (2–4 µg) selbst injiziert werden. Die Wirkung hält 2–4 h an.

❚ Niedrige Testosteron-Werte führen auch bei Parkinson-Patienten oft zu einer verminderten Libido und Erektionsproblemen, aber auch zu Depression oder Fatigue. In einer Studie besserte ein täglich verabreichtes Testosteron-Gel die sexuellen Dysfunktionen.

❚ Nicht-pharmakologischer Interventionen umfassen Einzel- oder Paartherapien mit Sexualtherapeuten bzw. Psychologen, spezielle Techniken (z. B. bei Harninkontinenz) und den Einsatz von Hilfsmitteln wie Vakuum-Erektionshilfen, Gleitmitteln etc

Die Aussichten der Behandlung, so einmal begonnen, sind gar nicht so schlecht. NW

Kommentar
?! Neurologen sollten die sexuelle Dysfunktion gegenüber den Patienten einfühlsam ansprechen und die Betroffenen über die Behandlungsmöglichkeiten aufklären. Die Patienten sind – wie so oft bei dieser Erkrankung – in einem multidisziplinären Team am besten aufgehoben.
Quelle: Bronner G et al: Management of sexual dysfunction in Parkinson's disease., Zeitschrift: Therapeutic Advances in Neurological Disorders, Ausgabe 4 (2011), Seiten: doi: 10.1177/1756285611411504
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