Mikroglia-Aktivierung bei Zwangskranken | Neuro-Depesche 11/17

Entzündung in neuronalen Netzwerken

Vermutet wird, dass bei einem gewissen Teil zwangsgestörter Patienten, vor allem jenen mit zusätzlichen neuropsychiatrischen Symptomen, in den Basalganglien neuroinflammatorische Prozesse ablaufen. Dies könnte auch auf andere Hirnstrukturen zutreffen.

In Kanada unterzogen sich 20 nicht-medikamentös behandelte zwangsgestörte Patienten und 20 altersentsprechende Gesunde (durchschnittliches Alter jeweils etwa 27 Jahre) einer PET-Untersuchung mit dem hochwertigen TSPO- bindenden Radiotracer der zweiten Generation 18F-FEPPA. Der Radioligand, der am Translocator-Protein (TSPO) bindet, soll lokale Entzündungsvorgänge im Hirngewebe anzeigen: Die TSPO-Expression (in der Bildgebung indiziert durch das TSPO-Verteilungsvolumen, TSPO-VT) steigt, wenn die Mikroglia im Zuge neuroinflammatorischer Prozesse aktiviert wird. In dieser Studie wurde das TSPO-VT primär in Strukturen des sog. kortiko-striato-thalamo- kortikalen Netzwerks (CSTC) wie dorsalen Nucl. caudatus, Orbitofrontalkortex, Thalamus, ventralen Striatum, dorsalen Putamen und im anterioren Cingulumkortex (ACC) untersucht. In diesen Regionen hatten schon frühere Studien an Zwangskranken erhöhte TSPO-VT gezeigt. Die Zwänge der Studienteilnehmer wurden mit der Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (Y-BOCS) quantifiziert. In der Gruppe der Zwangspatienten war das TSPO-VT in all den genannten Regionen signifikant um 31%–36%, durchschnittlich 32% höher als in der Kontrollgruppe (p < 0,001 bis p = 0,004). Ausnahme war der ACC mit einem geringeren Anstieg um nur 23,5%. Auch in anderen Regionen der grauen Substanz wie Temporal- und (inferiorer) Parietalkortex, Hippokampus, Insula etc. wurden in der Gruppe der Zwangskranken gegenüber den Kontrollen TSPO-VT-Anstiege beobachtet, die allerdings mit Werten zwischen +22% und +29% meist etwas geringer ausfielen. Interessanterweise korrelierten die TSPOVT- Werte im Orbitofrontalkortex signifikant mit den Y-BOCS-Werten für die Stressschwere bei Unterdrückung des Zwangsverhaltens (r = 0,62; p = 0,005). JL

Kommentar

In dieser PET-Studie wurden erstmals bei Zwangskranken Entzündungsmarker in Strukturen des kortiko-striato-thalamo-kortikalen Netzwerks (CSTC) nachgewiesen. Die regionale Verteilung der TSPO-VT-Anstiege spricht dafür, die autoimmunologische/ neuroinflammatorische Theorie der Zwangsstörung über die Basalganglien hinaus auf das CSTC-Netzwerk zu erweitern – und z. B. auch dort nach Autoantiköpern zu suchen. Die Zusammenhänge implizieren ferner, potenzielle neuromodulatorische bzw. immunmodulatorische Behandlungen (z. B. mit Minocyclin) nicht auf zwangserkrankte Kinder zu beschränken, sondern auch bei Erwachsenen zu erforschen.


Quelle:

Attwells S et al.: Inflammation in the neurocircuitry of obsessive-compulsive disorder. JAMA Psychiatry 2017; 74(8): 833-40

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