Netzwerk-Metaanalyse zur Wirksamkeit und Verträglichkeit | Neuro-Depesche 4/2018

Diese Antidepressiva schneiden am besten ab

Sind Antidepressiva wirklich wirksam? Diese Frage wird seit geraumer Zeit heftig und kontrovers diskutiert. Jetzt zeigt die bislang größte Netzwerk-Metaanalyse, dass alle gebräuchlichen 21 Antidepressiva in der Akutbehandlung depressiver Störungen wirksamer sind als Placebo. Allerdings unterscheiden sich die Antidepressiva hinsichtlich ihrer Wirkung und auch ihrer Verträglichkeit ganz erheblich.

In die Auswertung flossen 522 Studien und viele unpublizierte Daten ein. Untersucht wurden die in Europa, USA und Japan zugelassenen Antidepressiva der zweiten Generation: Agomelatin, Bupropion, Citalopram, Desvenlafaxin, Duloxetin, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Levomilnacipran, Milnacipran, Mirtazapin, Paroxetin, Reboxetin, Sertralin, Venlafaxin, Vilazodon und Vortioxetin. Außerdem waren die beiden Trizyklika Amitriptylin und Clomipramin sowie Tradozon und Nefazodon berücksichtigt worden.
Die metaanalytische Auswertung umfasste insgesamt 116 477 Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Depression. Sie erhielten acht Wochen lang entweder eines der oben aufgeführten Antidepressiva (n = 87 052) oder aber Placebo (n = 29 425).
Die Wirksamkeit („Efficacy“) wurde ermittelt anhand der Rate des Ansprechens (Reduktion der depressiven Symptome ≥ 50%). Eine höhere Wirksamkeit zeigten dabei Agomelatin, Amitriptylin, Escitalopram, Mirtazapin, Paroxetin, Venlafaxin und Vortioxetin, die niedrigste Fluoxetin, Fluvoxamin, Reboxetin und Trazodon. Die ensprechenden Odds Ratios (OR) lagen zwischen 2,13 für Amitriptylin und 1,37 für Reboxetin (siehe Tab. 1).
 
 
In der Verträglichkeit („Acceptability“), beurteilt anhand der Rate (wie auch immer bedingter) Abbrüche, unterschied sich die Mehrheit der Antidepressiva von Placebo nicht signifikant (siehe Tab. 2). Am besten vertrugen die Patienten Agomelatin (OR: 0,84%) und Fluoxetin (OR: 0,88), gefolgt von Citalopram, Escitalopram, Sertralin und Vortioxetin. Eine erheblich schlechtere Verträglichkeit als Placebo zeigten dagegen Amitriptylin, Duloxetin, Fluvoxamin, Reboxetin, Trazodon und Venlafaxin sowie Clomipramin. Unter Letzterem wurden 30% mehr Studienabbrüche verzeichnet als unter Placebo.
 
 
Nutzen-Risiko-Verhältnis: Drei „Winner“ und drei „Looser“
 
Unter Berücksichtigung von Effektivität und Verträglichkeit wurden besonders drei Antidepressiva als empfehlenswert beurteilt, und zwar Agomelatin, Escitalopram und Vortioxetin. Am schlechtesten in dieser Nutzen-Risiko- Bestimmung schnitten Fluvoxamin, Reboxetin und Trazodon ab. GS

Kommentar

Angesicht der anhaltenden kritischen Diskussion über die Effektivität von Antidepressiva kann aus dieser großen Metaanalyse das beruhigende Fazit gezogen werden, dass sie tatsächlich wirken. Für die Praxis legen die Ergebnisse nahe, dass Agomelatin, Excitalopram und Vortioxetin die Mittel der ersten Wahl sein könnten. Dagegen sollten die drei Substanzen mit der schlechtesten Nutzen-Risiko-Bewertung – Fluvoxamin, Reboxetin und Trazodon – initial wohl eher nicht verabreicht werden. Andere Fragen bleiben: offen: Wie ist das Outcome der Patienten bei einer Therapie über mehr als acht Wochen? Wie wirksam und verträglich sind Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen? Außerdem liefert die Metaanalyse leider keine Informationen darüber, welche Patienten am besten auf ein bestimmtes Antidepressivum ansprechen bzw. welche besonders anfällig für Nebenwirkungen sind.


Quelle:

Cipriani A et al.: Comparative efficacy and acceptability of 21 antidepressant ... Lancet 2018 [Epub 21.2.2018; doi: 10.1016/S0140-6736(17)32802-7; Parik SV, Kennedy SH: More data, more answers: picking ... Lancet 2018; [Epub 21.2.2018; doi 10.1016/ S0140-6736(18)30421-5

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