Bevölkerungsbasierte Fall-Kontroll-Studie | Neuro-Depesche 1/2019

Demenzrisiko bei primärer Insomnie verdoppelt

Schlafstörungen sind ein wesentlicher Dispositionsfaktor für viele Erkrankungen – und es gibt zahlreiche Hinweise, dass sie auch das Demenzrisiko beeinflussen. In einer landesweiten Fall-Kontroll-Studie in Taiwan fanden sich nun signifikante, unabhängige Zusammenhänge zwischen primären Insomnien und der Entwicklung einer Demenz.

Bei 51.734 über 20-Jährigen der National Health Insurance Research Database ohne Demenz wurde zwischen 2002 und 2004 eine primäre Insomnie diagnostiziert (ICD-9: 307.4, 780.5, 780.50, 780.52, 780.54, 780.55, 780.56, 780.58 und 780.59). Die 25.8715 Teilnehmer des Registers ohne primäre Insomnie dienten in dieser Fall-Kontroll-Studie als Referenzgruppe. Die Personen beider Gruppen waren durchschnittlich etwa 47 Jahre alt und zu etwa 60 % weiblich. Ausgeschlossen waren Personen mit Depressionen, posttraumatischer Belastungsstörung und/oder sekundären (durch organische Läsionen, Drogen oder Alkohol verursachten) Insomnien. Primärer Endpunkt war die Diagnose eines demenziellen Syndroms (ICD-9: 290.0, 290.1, 290.2, 290.3, 290.4, 294.1, 331.0, 331.1 und 331.2).
Die Kohorte mit primärer Insomnie wies zu Beginn eine signifikant (je p < 0,0001) höhere Prävalenz zahlreicher somatischer Krankheiten auf, darunter Diabetes (8,25 % vs. 6,47 %), Dyslipidämie(8,63 % vs. 6,05 %), Bluthochdruck (18,43 % vs. 13,55 %) und koronare Herzkrankheit (7,35 % vs. 4,57 %) sowie chronische Leberkrankheiten (10,82 % vs. 6,43 %) und chronische Nierenerkrankungen (3,16 % vs. 1,96 %).
Während des (nur) dreijährigen Follow-up entwickelten 1.316 Patienten mit primärer Insomnie (2,54 %) und 3.472 Kontrollen (1,34 %) eine Demenz. Um soziodemographische Merkmale und ausgewählte Komorbiditäten bereinigt, ging die primäre Schlaflosigkeit im Cox-Modell mit einem Anstieg des Demenzrisikos um mehr als das Doppelte einher (Hazard Ratio: 2,14; 95%-KI: 2,01 - 2,29; p < 0,05).
Darüber hinaus war das Demenzrisiko altersabhängig und besonders hoch bei den jüngeren Patienten mit primärer Insomnie: Die Stratifizierung nach Altersgruppen ergab eine adjustierte HR bei den 20- bis 39-Jährigen von 4,77, bei den 40- bis 59-Jährigen von 3,24. bei den 60- bis 74-Jährigen von 2,12 und in der Altersgruppe > 75 Jahre von 1,95. HL

Kommentar

Dass die Patienten mit primärer Insomnie, insbesondere die unter 40-Jährigen, ein massiv höheres Risiko hatten, eine Demenz zu entwickeln, als jene ohne diese Schlafstörungen, führen die Autoren auf die zahlreichen negativen Folgen von Schlafstörungen zurück. Weil Schlafprobleme Risikofaktor für Diabetes, Hypertonie, Herzinfarkt und Schlaganfall sind, die ihrerseits bekannte Risikofaktoren für eine Demenz sind, plädieren sie dafür, eine primäre Insomnie ebenfalls als Demenz-Risikofaktor zu betrachten. Darüber hinaus spielen möglicherweise auch Alzheimer-typische pathophysiologische Veränderungen eine Rolle: Die Insomnie könnte die während des Schlafes erhöhte Clearance von ß-Amyloid aus dem Gehirn stören und so zu dem kognitiven Abbau beitragen.


Quelle:

Hung CM et al.: Risk of dementia in patients with primary insomnia: a nationwide population-based case-control study. BMC Psychiatry 2018; 18(1): 38 [Epub 7. Feb.; doi: 10.1186/s12888-018-1623-0]

ICD-Codes: F03

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