Digitalisierter Uhrenzeichnen-Test | Neuro-Depesche 9/2017

Demenz-Screening deutlich verbessert

Der Uhrenzeichen-Test (Clock Drawing Test, CDT) ist ein im klinischen Alltag seit langem zum Demenz-Screening eingesetztes Instrument. Er ist einfach und unaufwändig, weist aber Nachteile wie Ungenauigkeit, eine niedrige Interrater-Zuverlässigkeit und eine mangelnde Änderungssensitivität auf. Kann die digitalisierte Form des Tests (dCDT) die kognitiven Beeinträchtigungen besser erfassen?

Beim dCDT erfolgt mittels Grafiktablet und Digitalisierungs-Pen eine elektronische Erfassung des Zeichnen-Prozesses (120 Samples pro Sekunde), die ungleich mehr und objektive Datendetails ergibt als das nur Ergebnis-orientierte konventionelle Uhrenzeichnen.
An der Universität Tübingen wurde der dCDT nun bei 20 Patienten mit Alzheimer-Demenz (DAT) im Frühstadium (eDAT), bei 30 Patienten mit amnestisch betonter Mild cognitive Impairment (aMCI) und 20 kognitiv unbeeinträchtigten Gesunden (HCs) eingesetzt. Die durchschnittlichen MMST-Werte betrugen 21,7, 26,6 bzw. 29,4 Punkte.
Außer anhand des dCDT-Gesamtwertes (0–6; pathologisch ≥ 3) erfolgte der Vergleich der Gruppen anhand des Zeitraums a) zwischen zwei Zeichnungsschritten: „Time-in-air“ des Stiftes und b) des Zeichnens selbst: Zeitraum mit Stift in Kontakt mit der Tablet-Oberfläche.
Bei den eDAT-Patienten war die Zeitdauer Time-in-air mit 70 965,8 ms signifikant länger als in der aMCI-Gruppe (54 073,7 ms; p = 0,027) und bei den Gesunden (32315,6 ms; p < 0,001). Auch der Unterschied zwischen aMCIund Kontrollgruppe war signifikant (p = 0,003) – sogar in der Auswahl der aMCI-Patienten mit normalem cCDT-Gesamtwert (54 141,8 ms; p < 0,001). Der dCDT-Parameter Time-in-air erlaubte die beste Unterscheidung der Gruppe aller aMCI-Patienten und der Kontrollgruppe: Die Sensitivität betrug 81,3% bei einer Spezifität von 72,2% (Genauigkeit: 78%).
Der cCDT-Gesamtscore (Cut-Off-Wert: 1,5) war dagegen mit einer Sensitivität von 62,5% und einer Spezifität von 83,3% (Genauigkeit: 70%) weniger vorteilhaft. Als besonders bemerkenswert und klinisch relevant heben die Autoren hervor, dass die Time-in-air- Zeit sogar bei den aMCI-Patienten mit normalen cCDTGesamtwert – etwa 80% aller Teilnehmer mit aMCI – eine Abgrenzung von den gesunden Kontrollen mit einer Sensitivität von 80,8% und einer Spezifität von 77,8% erlaubte (Genauigkeit: 79,5%).
Interessanterweise scheint dieser Parameter allein auseichend zu sein: Verschiedene Kombinationen von dCDT-Variablen und -Scores verbesserten die Diskriminierung zwischen aMCI-Patienten und Gesunden nicht. JL

Kommentar

Die anhand der digitalen Gerätschaften erfassbaren Veränderungen der visuell-konstruktiven Fähigkeiten und der exekutiven Funktionen der Probanden ermöglichen die Feststellung bereits leichter kognitiver Veränderungen (MCI). Der dCDT-Parameter Time-in-air war dabei am effizientesten. Damit ermöglicht der neue, elegante, sensitive und durch die automatische Auswertung auch ressourcenfreundliche dCDT die frühe Erkennung einer demenziellen Entwicklung – prinzipiell auch beim Hausarzt.


Quelle:

Müller S et al.: Increased diagnostic accuracy of digital vs. conventional clock drawing test for discrimination of patients in the early course of Alzheimer‘s disease from cognitively healthy individuals. Front Aging Neurosci 2017; 9: 101 [Epub 11. Apr.; doi: 10.3389/ fnagi.2017.00101]

ICD-Codes: F00.9

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