Stimulanzien trotz Kontraindikation?

Neuro-Depesche 3/2013

CAVE: Komorbidität stärker beachten!

Die gängige Behandlung der ADHS mit Stimulanzien wie Methylphenidat (MPH) unterliegt einer Reihe von Kontraindikationen, die offenbar in der Praxis zu wenig Beachtung finden. Darauf deutet jetzt eine große deutsche Datenbank-Analyse hin.

Die Studie basiert auf Daten der „German Pharmacoepidemiological Research Database (GePaRD)“ der Jahre 2004 bis 2006 und erfasst etwa 18% der deutschen Bevölkerung. Die Prävalenz einer MPH-Therapie wurde in einem Kollektiv von 2 150 362 und deren Inzidenz in einem Kollektiv von 20 089 877 Personen geprüft (basierend auf mindestens einer jährlichen Verschreibung). Diese betrugen für das Jahr 2005 jeweils 14,66 bzw. 4,32 sowie für das Jahr 2006 16,9 und 4,75 pro 1000 Kinder. Sie waren für Jungen etwa viermal so hoch wie für Mädchen. Bei der Häufigkeit der Verschreibungen war bei allen Kindern ab sechs Jahren ein Anstieg zu erkennen, bei Jungen bis zum Alter von elf, bei Mädchen bis zehn Jahren.

Die Komorbiditäten wurden im Quartal der ersten MPH-Verordnung sowie in den darauffolgenden drei Quartalen erhoben. Für die Kontrollgruppe galten die ersten vier Quartale bei laufender Versicherung ab dem 1.1.2004 bzw. ab Versicherungsbeginn.

Psychische Störungen wurden gemäß der ICD-10-GM-Kodierung für mentale und Verhaltensstörungen (F10-F99) identifiziert, abgesehen von Demenz bzw. anderen organisch bedingten mentalen Erkrankungen (F00-F09) sowie hyperkinetischen Störungen (F90.x). Auch die ADHS-Diagnose wurde gemäß der ICD-10-GM-Kodierung gestellt. Dies sollte bestehende Störungen wie z. B. Angsterkrankungen, Schizophrenie oder Entwicklungsstörungen eigentlich ausschließen. Angaben über die MPH-Dosis wurden nicht gemacht.

Mit etwa 83% waren die psychiatrischen Komorbiditäten der MPH-Gruppe deutlich höher als in der Kontrollgruppe (m: 82,52 vs. 21,53%; p < 0,01; w: 82,28 vs. 18,64%; p < 0,01). Dieses Ungleichgewicht traf auf jede einzelne ICD-Kategorie zu, z. B. Schizophrenie, Depression, bipolare Störung. Am häufigsten waren Verhaltensstörungen mit 14,78% bei den männlichen bzw. 11,02% bei den weiblichen Patienten im Vergleich zu den Nichtbehandelten mit 1,15% bzw. 0,81% (jeweils p < 0,01).

Bereits bestehende zerebrale oder kardiovaskuläre Erkrankungen waren eher selten und lagen bei 2% der MPH-Kinder und bei 1,2% der Unbehandelten vor. Vor allem schwere kongenitale Herzerkrankungen (m: 1,23 vs. 0,78%; w: 1,20 vs. 0,75%; jeweils p < 0,01) sowie Arrhythmien (m: 0,51 vs. 0,17%; w: 0,57 vs. 0,14%; jeweils p < 0,01) waren in der ADHS-Gruppe häufiger. Insgesamt 1,22% der mit MPH behandelten Jungen (Kontrolle 0,15%) und 0,89% der Mädchen (0,27%; jeweils p< 0,01) litten unter einer Hyperthyreose. Eine Assoziation zwischen ADHS und einer Resistenz gegen das Thyroidhormon konnte bisher klinisch nicht bestätigt werden. Die Autoren vermuten, dass es sich hierbei um keine klinisch ernsten Fälle handelt. Symptome einer Schilddrüsenüberfunktion können denen einer ADHS u. U. sehr ähnlich sein. NW

Quelle: Kraut AA et al: Comorbidities in ADHD children treated with methylphenidate: a database study, Zeitschrift: BMC psychiatry, Ausgabe (2013)
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