ADHS und Epilepsie | Neuro-Depesche 6/2005

Beeinflusst die Stimulanzien-Therapie die Krampfschwelle?

Symptome der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Epilepsie weisen eine relativ hohe Rate an gegenseitiger Komorbidität auf. Sie könnten auch ätiologische Gemeinsamkeiten haben. Ob die Befürchtung zutrifft, dass die ADHS-Therapie mit Stimulanzien wie Methylphenidat die Schwelle für Krampfanfälle herabsetzt und so eine Epilepsie induziert bzw. den Zustand von Kindern mit komorbider Epilepsie verschlechtert, wurde nun in einer Literaturauswertung analysiert.

Mögliche Ursachen für eine Assoziation beider Erkrankungen könnten eine gemeinsame genetische Disposition sein. Bei einem Teil der ADHS-Patienten werden epileptiforme EEG-Muster, meist fokalen Typs, beobachtet. Ihre Inzidenz reicht je nach Untersuchung von 6% bis über 30%. In einer epidemiologischen Studie fanden sich z. B. Rolando-typische zentrotemporale Spikes signifikant häufiger als bei gesunden Kindern. Ferner könnten auch die Antiepileptika ADHS-Symptome hervorrufen. Jedoch zeigen Studien, dass sich die Mehrzahl dieser Medikamente (Ausnahme u. a. Phenobarbital und Benzodiazepine) in dieser Form nicht negativ auf die kognitiven Funktionen auswirken. Zudem spricht die Tatsache, dass Aufmerksamkeitsprobleme meist bereits vor der Erstmanifestation der Epilepsie bestehen, gegen einen ursächlichen Einfluss der Antiepileptika. Das zur Behandlung der ADHS eingesetzte Methylphenidat ist ein Amphetaminderivat und wirkt hauptsächlich auf die präsynaptische Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin, nicht jedoch auf die Transmitter GABA, Glutamin- oder Asparaginsäure, denen in der Pathophysiologie von Krampfanfällen die entscheidenden Rollen zugewiesen werden. Auch die an der Epileptogenese beteiligten Kalzium- und Natriumkanäle werden von der Substanz nicht beeinflusst. Ein direkter Effekt des Psychostimulans erscheint also nicht wahrscheinlich. Über die Leberenzymhemmung vermittelte Interaktionen von Methylphenidat mit Antiepileptika wie Phenobarbital, Primidon, Phenytoin oder Ethosuximid, haben dem derzeitigen Kenntnisstand nach keine klinische Relevanz. Über mögliche Wechselwirkungen mit neueren Antiepileptika liegen zurzeit noch keine ausreichenden Informationen vor. Zwar kam es in einer Studie an 234 Kindern mit ADHS ohne Epilepsie unter Methylphenidat bei dreien jener 30 Kinder, die vor der Behandlung epileptiforme EEG-Muster aufwiesen, zum Auftreten von Krampfanfällen. Diese waren allerdings nicht zwangsläufig auf die Studienmedikation zurückzuführen. Mehrere Fallserien und andere Studien zeigten hingegen, dass Methylphenidat bei Kindern mit medikamentös kontrollierter Epilepsie eine sichere und wirksame Option der ADHS-Behandlung darstellt. Weder scheint es Anfällen Vorschub zu leisten, noch das EEG der Patienten zu verschlechtern. In einer Studie an 119 Patienten besserte die Behandlung das EEG von ADHS-Patienten mit vorbestehenden epileptiformen Mustern sogar.

Quelle: Tan, M: Attention deficit and hyperactivity disorder, methylphenidate, and epilepsy, Zeitschrift: ARCHIVES OF DISEASE IN CHILDHOOD, Ausgabe 90 (2005), Seiten: 57-59

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