Schlaganfall in England | Neuro-Depesche 5/2018

Arme werden schlechter behandelt und sterben häufiger

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In einer landesweiten Register-basierten Kohortenstudie an 44 Mio. Erwachsenen in England wurde untersucht, ob in der Inzidenz und Behandlung des Schlaganfalls sowie in der Sterblichkeit ein Gefälle zwischen arm und reich existiert. Offenbar ist das so.
Ausgewertet wurden Registerdaten der Jahre 2013 bis 2016. Hauptendpunkte waren die Inzidenz an Krankenhausaufnahmen nach erstem (ischämischen oder hämorrhagischen) Schlaganfall, die Behandlungsqualität (nach 12 selektierten Therapiemaßnahmen) und die Einjahres-Gesamtmortalität. Der sozioökonomische Status wurde bestimmt nach den „Lower Super Output Areas“ und dem Index of Multiple Deprivation. Von 43,8 Mio. erwachsenen Engländern wurden 145 324 wegen eines ersten Schlaganfalls stationär behandelt: 87% (n = 126 640) mit ischämischer Ursache, 12% (n = 17 233) durch Hirnblutung und 1% (n = 1451) mit unbekannter Genese.
Patienten der untersten sozioökonomischen Gruppen erlitten einen ersten Schlaganfall median sieben Jahre früher als jene der obersten Gruppen (p < 0,0001). Sie wiesen schon vor dem Schlaganfall eine höhere Prävalenz an Behinderungen und Diabetes auf.
In der Rate an Krankenhausaufnahmen fand sich ein signifikanter sozioökonomischer Gradient zugunsten der „Reicheren“: Die adjustierte Inzidenz Rate Ratio (IRR) für die reichste versus die ärmste Dezile betrug nach ischämischem Schlaganfall 2,0 (95%-KI: 1,7–2,3) und nach Hirnblutung 1,6 (95%-KI: 1,3–1,9). Patienten der untersten sozioökonomischen Gruppen hatten darüber hinaus eine geringere Wahrscheinlichkeit, fünf von 12 vorab definierten Therapiemaßnahmen zu erhalten und wurden mit einer um 14% höheren Wahrscheinlichkeit früher entlassen (‚Supported discharge‘): Die adjustierte Odds Ratio betrug 1,14).
Ein niedriger sozioökonomischer Status ging außerdem mit einem um 26% höheren (nicht-adjustierten) Risiko einher, innerhalb des ersten Jahres zu sterben: Für die ärmste vs. reichste Dezile lag die nicht-adjustierte Hazard Ratio bei 1,26 (95%-KI: 1,20–1,33). Dieser Gradient wurde allerdings nach Adjustierung der Daten für das Vorliegen eines Diabetes, eines Bluthochdrucks und eines Vorhofflimmerns (vor dem Schlaganfall) deutlich auf 11% abgeschwächt (HR: 1,11; 95%-KI: 1,05–1,17). JL
Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar

Wie postuliert bestehen beim ersten ischämischen oder hämorrhagischen Schlaganfall in England große sozioökonomische Ungleichheiten. Besonders zeigt sich dies in der Klinikaufnahme nach Schlaganfall und der Sterberate sowie – in geringerem Maß – in der Therapiequalität. Hier bedarf es Interventionen zur Verbesserung der Akutbehandlung und der vorbestehenden kardiovaskulären Risikofaktoren.

Quelle: Bray BD et al für die SSNAP Collaboration: Socioeconomic disparities in first stroke incidence ... Lancet Public Health 2018: e185-e193 [Epub 15. März; doi: 10.1016/S2468-2667(18)30030-6)
ICD-Codes: I69.4

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