Schwedische Kohortenstudie zu Frauen | Neuro-Depesche 7/2018

Angst über drei Generationen

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Angst und Stress können das Mutter-Kind-Verhältnis stören und scheinen mit einer erhöhten psychiatrischen Komorbidität einherzugehen. In Schweden wurde nun die Prävalenz von Angststörungen über drei Generationen – Großmütter, Töchter und Enkel – hinweg untersucht. Das größte Angststörungsrisiko wies die doppelt vorbelastete Enkelgeneration auf.

In schwedischen bevölkerungsbasierten Registern identifiziert wurden alle 169 782 Frauen, die zwischen 1973 und 1977 ein Kind auf die Welt gebracht haben, sowie alle ihre 244 152 Töchter und deren (zwischen 1987 und 2012 geborenen) 381 953 Kinder. Die Nachbeobachtungszeit endete mit dem Jahr 2013. 6,1% der Großmütter, 4,2% der Mütter und 0,2% der Enkel hatten nach ICD eine Angststörungsdiagnose erhalten.
Töchter von Frauen mit einer Angststörung hatten gegenüber den Töchtern nicht-betroffener Frauen eine mehr als doppelt so hohe Wahrscheinl ichkeit, selbst eine Angststörung zu bekommen (Odds Ratio: 2,20; 95%-KI: 2,04–2,30).
In der dritten Generation lag das Risiko in dieser Enkelgruppe unadjustiert(!) bei etwa dem Doppelten (OR: 2,14), wenn nur die Großmutter angstgestört war, beim mehr als Vierfachen (OR: 4,63), wenn die Mutter eine Angststörung hatte und bei fast dem Achtfachen (OR: 7,74), wenn sowohl Großmütter als auch die Mütter angstgestört waren.
Adjustiert auf mütterlichen Bildungsstatus, Familienstand, Alter bei der Geburt etc. war die Angststörungswahrscheinlichkeit in der Enkelgeneration um 46% erhöht (OR: 1,46; 95%-KI: 1,14–1,88), wenn nur die Großmütter betroffen waren, und um etwa das Zweieinhalbfache (OR: 2,54; 95%-KI: 2,01–3,20), wenn die Mütter unter einer Angststörung litten. In den Fällen, in denen sowohl die Großmütter als auch die Mütter angstgestört waren, lag die adjustierte Angststörungswahrscheinlichkeit der Enkel sogar bei mehr als dem Dreifachen (OR: 3,11, 95%- KI: 2,04–4,75).
Im gleichen Sinne hatte eine entsprechende Diagnose in den beiden Generationen zuvor eine erhöhte Behandlungswahrscheinlichkeit (aus jeglichen medizinischen oder psychiatrischen Gründen) der Enkel zur Folge: Das Risiko für mehr als zwei stationäre Aufenthalte (n = 65 838) bzw. mehr als zehn ambulante Arztbesuche (n = 53 649) war um den Faktor 2,6 bzw. 2,2 erhöht (OR: 2,64; 95%-KI: 2,40–2,91 bzw. OR: 2,21, 95%-KI: 2,01–2,43). JL
Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar

Epidemiologischen Daten zufolge liegen die Lebenszeitwahrscheinlichkeit einer Angststörung bei etwa 30%, und die Prävalenz von relevanten Angstsymptomen in der Frühschwangerschaft bei etwa 16%. Gerade bei Schwangeren und jungen Müttern können sich Angstsymptome aufgrund verschiedener Trigger verstärken. Die aktuelle Kohortenstudie ergab jetzt ein hohes „Intergenerationsrisiko“, das mit einer starken Nutzung von Gesundheitsressourcen verbunden war. Um diese „Transmission“ zu verringern, sollten Angsterkrankungen stärker beachtet (und behandelt) werden.


Quelle:

Sydsjö G et al.: Anxiety in women − a Swedish national three-generational cohort study. BMC Psychiatry 2018; 18(1): 168 [Epub 4. Juni; doi: 10.1186/ s12888-018-1712-0]

ICD-Codes: F41.9 F42.9

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