88. Kongress der DGN, Düsseldorf, 23. bis 26. 9. 2015 | Neuro-Depesche 11/2015

Aktuelle Themen der Neurologie

Beim 88. Kongress des Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Düsseldorf trafen sich etwa 6000 Neurologen und fachverwandte Berufe aus rund 20 Ländern. Unter dem Motto „Mensch im Blick – Gehirn im Fokus“ umfasste das wissenschaftliche Programm 500 Vorträge in 91 Symposien und 320 Poster, die DGN-Fortbildungsakademie 45 Kurse mit 270 Vorträgen. Diskutiert wurden aktuelle Etwicklungen im gesamten neurologischen Themenfeld, darunter bei Demenz, Epilepsie, MS, Morbus Parkinson und Schlaganfall.

Hier eine – notwendig sehr begrenzte – Auswahl aus dem vielfältigen Themenspektrum.

Mikrobiom-Forschung bei MS

Der Darm wird als das größte Immunorgan des menschlichen Körpers betrachtet. Nun steht das Mikrobiom, bestehend aus etwa 100 Billionen Bakterien, im Fokus der neurologischen Erforschung. Bei der DGN-Eröffnung erläuterte Prof. Hartmut Wekerle, Planegg-Martinsried, die Zusammenhänge zwischen Darmflora und Multipler Sklerose (MS). Seiner Ansicht nach kommt „den Mikrobiota eine entscheidende Bedeutung als Trigger zu“. In eigenen Untersuchungen trat bei nicht keimfrei gehaltenen genetisch veränderten Mäusen mit vielen autoreaktiven T-Zellen wie erwartet die MS-ähnliche experimentelle Autoimmun-Enzephalomyelitis (EAE) auf, nicht aber, wenn sie von Anfang an keimfrei gehalten worden waren. Letztere entwickelten aber ebenfalls eine EAE, sobald ihr Darm mit der Darmflora normal gehaltener Tiere besiedelt wurde. U. a. führen dann von spezifischen B-Lymphozyten gebildete Autoantikörper zu den Entmarkungsläsionen im ZNS. In einem weiteren Versuch entwickelten Mäuse, in deren Darm Stuhl von MS-Kranken eingebracht wurde, deutlich häufiger eine EAE als Tiere nach Applikation von Stuhl gesunder Menschen. „Fäkaltransplantationen“ von gesunden Spendern auf MS-Patienten stehen auf der Agenda der Forscher, so Wekerle. Eine „Hirn-Darm-Achse“ wird auch bei Demenz, Schlaganfall und Parkinson angenommen und erforscht.

MS-spezifische Diät?

Vom Mikrobiom zur Ernährung ist es nicht weit: Mittels Prä- und Probiotika, aber auch durch Antibiotika könnte die Zusammensetzung der Darmflora gezielt beeinflusst werden. Wie Prof. Aiden Haghikia, Bochum, darlegte, führten langkettige Fettsäuren (FS) im EAE-Modell zu vermehrter Differenzierung und Proliferation pathogener TH1-Helfer- und/oder Th17-Zellen im Dünndarm, während kurzkettige FS die regulatorischen T-Zellen (Treg) förderten und die Axonschäden reduzierten Die Forscher arbeiten nun an einer Fettsäure-Diät für MS-Patienten. Außerdem fördert Erlangener Forschern zufolge eine kochsalzreiche Ernährung die MS-Entzündung.

„Revolution Thrombektomie“

Von fünf positiven Studien zur mechanischen Thrombektomie bei Patienten mit schweren Schlaganfällen wurden vier wegen offenkundiger Vorteile vorzeitig beendet, sagte Prof. Hans- Christoph Diener, Essen. Die insgesamt 633 Patienten mit Thrombektomie wiesen gegenüber den 650 mit systemischer Thrombolyse eine 2,42-fache Wahrscheinlichkeit auf, den Schlaganfall mit nur minimalen neurologischen Ausfällen zu überleben. Die Rekanalisationsraten sind mit 70–90% deutlich höher als unter einer Thrombolyse mit 40–50%. „Die Ergebnisse sind so klar, dass derzeit von einer Revolution in der Schlaganfalltherapie gesprochen wird“, so Diener. Herausforderung ist, die Versorgung in den 256 Stroke Units und Schlaganfallzentren für möglichst viele Patienten zu organisieren und sicherzustellen, dass die 10 000 zusätzlichen radiologisch- interventionellen Eingriffe pro Jahr mit der notwendig hohen Qualität erfolgen.

Neue S3-Leitlinie Demenz

Die von der DGN und DGPPN gemeinsam mit der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. erarbeitete neue S3-Leitlinie befasst sich mit Diagnose und Therapie der verschiedenen Demenzformen. Aufgrund des Scheiterns vieler Therapiestudien in den letzten Jahren bleiben die Empfehlungen zur medikamentösen Therapie in Vielem unverändert: Im leichten bis mittleren Alzheimer-Stadium verbessern Acetyl-Cholinesterase-Hemmer u .a. die Alltagsverrichtungen. Im schweren Stadium kann der AChE-Hemmer Donepezil oder der nichtkompetitive NMDA-Antagonist Memantin empfohlen werden, letzterer auch im mittleren Stadium. Neu gewichtet wurde dagegen Ginkgo biloba: Es liegen Hinweise darauf vor, dass der Extrakt EgB 761 auf die Kognition bei Patienten mit leichter bis mittelgradiger Alzheimer- oder vaskulärer Demenz und auf nicht-psychotische Verhaltenssymptome wirkt, für eine Demenzprävention besteht allerdings keine ausreichende Evidenz. Kein Wirksamkeitsnachweis besteht für Vitamin E, nicht-steroidale Antiphlogistika, Piracetam, Nicergolin, Hydergin, Phosphatidylcholin (Lecithin), Nimodipin, Cerebrolysin oder den MAO-B-Hemmer Selegilin.

Neue Parkinson-Therapiestandards

Vier Jahre hat die Bearbeitung der neuen S3- Leitlinie „Idiopathisches Parkinson-Syndrom“ gebraucht, berichtete Prof. Richard Dodel, Marburg, Autoren und Organisationen arbeiteten ohne Entgelt. Anhand von Evidenztabellen lassen sich die Beurteilungen medikamentöser Therapieoptionen und diverser Zusatzverfahren wie Physio- und Ergotherapie, Logopädie etc. nachvollziehen. Insbesondere die Tiefe Hirnstimulation sowie die invasiven Optionen für weit fortgeschrittene Patienten wurden neu bewertet. Die finale Version soll noch im Nov. 2015 erscheinen.

NS-Vergangenheit aufarbeiten

Zuletzt sei zumindest erwähnt, dass die DGN „die Rolle der deutschen Neurologie in der NS-Zeit“ aufarbeitet, so Prof. Martin Grond, Siegen auf dem DGN-Präsidentensymposium in Düsseldorf. Wie weit boten sich Neurologen dem Regime an, und was versprachen sie sich davon? Prof. Heiner Fangerau und Prof. Axel Karenberg vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln trugen dazu erste Ergebnisse ihrer wissenschaftsgeschichtlichen „Bestandsaufnahme“ vor. JL

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