Update der Studienlage | Neuro-Depesche 4/2017

Aktuelle Daten zum Übergewicht bei ADHS

Aus der letzten Dekade mehren sich die Hinweise, dass eine ADHS mit verschiedenen komorbiden körperlichen Krankheiten einhergeht. Ein Forscherteam befasste sich in einem Update eines systematischen Reviews von 2012 mit der seit Jahren ungelösten Problematik, ob Kinder mit einer ADHS wirklich häufiger übergewichtig bzw. adipös sind und ob auch umgekehrt ein Zusammenhang besteht.

Die Zahl der Publikationen zu der Thematik hat in den letzten vier Jahren deutlich zugenommen. Unter den jetzt ausgewählten seit 2012 erschienenen 41 Studien lieferten 17 Daten zur Prävalenz von Übergewicht bei ADHS-Kranken (und vice versa) und 28 Informationen zu den der Gewichtszunahme zugrunde liegenden Mechanismen.
Trotz teils sehr unterschiedlicher Ergebnisse der einzelnen Studien ergab eine Metaanalyse von 42 Studien an 48 161 ADHS-Kranken und 679 975 Kontrollpersonen bei Erwachsenen mit ADHS eine gepoolte Rate an Adipositas von 28,2% vs. 16,4% (-70%) und bei den Kindern von 10,3% vs. 7,4% (-40%). Die entsprechenden Odds Ratios betrugen 1,55 (95%-KI: 1,32–1,81) bzw. 1,20 (95%- KI: 1,05–1,37). Die Signifikanz blieb auch nach Einberechnung potenziell beitragenden Faktoren wie sozioökonomischer Status, komorbide psychiatrische Erkrankungen (z. B. Depression, Angst, Beziehungsstörung) bestehen. Für Übergewicht fielen die Ergebnisse ähnlich aus. Eine medikamentöse Behandlung könnte vor Gewichtszunahme schützen, jedenfalls schien sie keinen negativen Einfluss zu haben.
In einer zweiten, späteren Metaanalyse wurde die signifikante Assoziation zwischen ADHS und Adipositas bestätigt (OR: 1,22 (95%-KI: 1,11–1,34), erneut mit einem größeren Effekt bei den Erwachsenen als bei den Kindern (OR: 1,37 vs. 1,13).
Umgekehrt fand sich unter Übergewichtigen ein relativ hoher Anteil an ADHS-Kranken. In einer Querschnittsstudie hatten adipöse Kinder (ohne Stimulanzien-Behandlung!) gegenüber nicht-adipösen eine um mehr als 80% erhöhte ADHS-Wahrscheinlichkeit (OR: 1,93; 95%-KI: 1,26–2,94 bzw. adjustierte OR: 1,85; 95%-KI: 1,18–2,92). Somit konstatieren die Autoren einen bidirektionalen Zusammenhang.
In den Studien zu den pathophysiologischen Mechanismen der Gewichtszunahme bei ADHS-Patienten erschienen neben genetischen Dispositionen (u. a. neu: s206936 NUDT3; FTO SNP rs8050136) insbesondere ein verändertes Essverhalten und körperliche Inaktivität (fehlende sportliche Betätigung, Stunden vor dem Bildschirm etc.) als wesentliche Faktoren. In jüngeren Studien wurde im Ünrigen auch der bei ADHS-Patienten häufig gestörte Schlaf als ein relevanter Faktor für Gewichtszunahmen erkannt. HL
Quelle:

Cortese S, Tessari L: Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD) and obesity: update 2016. Curr Psychiatry Rep 2017; 19(1): 4 [Epub 19. Jan.; doi: 10.1007/s11920-017- 0754-1]

ICD-Codes: F90.0

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