Millennium-Kohortenstudie | Neuro-Depesche 5-6/2020

ADHS-Risiko bei pränataler Alkoholexposition?

Zertifizierte Fortbildung
Ob ein mütterlicher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft das spätere Risiko der Kinder für eine ADHS erhöht, wie mehrere Studien nahelegen, wurde jetzt retrospektiv in der großen britischen Millennium Cohort Study (MCS) untersucht. Das Ergebnis erstaunt.
Die Mütter von 13.004 Kindern wurden zu ihrem Alkoholkonsum in der Gravidität befragt. Die Kinder selbst wurden im Alter von neun Monaten und sieben Jahren auf Entwicklungsstörungen untersucht. Stratifiziert in einen leichten, mittelgradigen und schweren Konsum (3 – 7 bzw. 8 – 14 bzw. > 14 Einheiten/Woche) wurde das Risiko für eine ADHS-Diagnose im siebten Lebensjahr bestimmt.
Insgesamt 3.916 Frauen (30,1 %) gaben an, in der Schwangerschaft Alkohol getrunken zu haben: 3.001 (23,11 %) hatten einen leichten, 657 (5,1 %) einen mittelschweren und 258 (2,0 %) einen schweren Konsum. Bei nur 167 Kindern der Gesamtkohorte (1,3 %) war eine ADHS diagnostiziert worden – in den drei Konsumgruppen lediglich bei 29 (1,0 %), acht (1,2 %) und sechs Kindern (2,3 %).
Entgegen den klaren Erwartungen fand sich in keiner Gruppe ein signifikanter Zusammenhang mit einer ADHS: Die auf verschiedene Variablen angepasste Odds Ratio [aOR] betrug in der Gruppe mit leichtem mütterlichen Konsum 0,80, in der mit mäßigem 0,83 und in der mit schwerem Konsum 1,27 – auch in letztem Fall ohne Signifikanz.
Die Wahrscheinlichkeiten für einen auffälligen Score des Strength and Difficulties Questionnaire (SDQ) für Verhaltensprobleme waren in den drei Gruppen mit einer aOR von 0,94, 0,70 bzw. 1,08 ebenfalls nicht signifikant erhöht. Dies traf auch auf die mit dem entsprechenden SDS-Subscore erfasste Hyperaktivität zu (aOR: 1,02, 1,05 bzw. 0,90). JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Weder ein leichter, mittelschwerer noch schwerer mütterlicher Alkoholkonsum war in dieser Studie mit einem erhöhten ADHS-Risiko oder entsprechenden Verhaltensauffälligkeiten verbunden. Dies geht den Autoren zufolge u. a. auf die erstaunlich niedrige Anzahl von Fällen zurück. Sie möchten daher ein erhöhtes ADHS-Risiko gerade bei starkem Konsum nicht ausschließen.
Quelle: Jm M et al.: Prenatal alcohol exposure and risk of attention deficit hyperactivity disorder in offspring: A retrospective analysis of the millennium cohort study. J Affect Disord 2020; 269: 94-100
ICD-Codes: F90.0

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.

Ihr Zugang zu exklusiven Inhalten für Fachkreise

Login für Fachkreise

Neu registrieren

Passwort vergessen?