Neuro-Depesche 7/2018

Progression der Gehunfähigkeit bei SMA-Typ-3-Patienten

Abhängig von Lebensalter und Subtyp?

Häufigste Ursache für eine spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine homozygote Deletion des Survival Motor Neuron (SMN1)-Gens auf Chromosom 5q13. Menschen mit einer leichten Ausprägung (SMA-Typ 3) sind grundsätzlich gehfähig, doch beeinträchtigen meist muskuläre Schwäche und Fatigue die Gehfähigkeit. Jetzt wurde anhand mehrerer Longitudinalstudien zum natürlichen Verlauf geprüft, ob und in welchem Ausmaß es zu einer Progression der Gehschwierigkeiten kommt, und ob diese vom Alter abhängig ist.

Dazu wurden primär die Längsschnittveränderungen des Six-minute walk test (6MWT) in drei prospektiven nichtinterventionellen Längsschnittstudien erfasst. Ausgewertet wurden die Daten mit insgesamt 73 Teilnehmern (durschn. Alter 13,5 Jahre), die den 6MWT – im Abstand von ≥ 6 Monaten – mindestens einmal wiederholt hatten. 52 der 73 Patienten waren vor dem dritten Lebensjahr erkrankt (SMA-Typ 3A), 21 danach (SMA-Typ 3B).
Die von den SMA-Patienten anfänglich erzielte Gehstrecke betrug (38–604, durchschnittlich 295 m) und war schwach, aber signifikant mit dem Lebensalter assoziiert (r = 0,25, p = 0,04). Die Patienten mit SMA-Typ 3A durchschritten zu Baseline eine deutlich kürzere durchschnittliche Distanz als die später erkrankten SMA-3B-Patienten (257,1 vs. 390,2 m; Differenz: 133,1 m; p < 0,001).
Das Follow up umspannte 0,5–9 Jahre. Nach einem linearen gemischten Effektmodell betrug die durchschnittliche Veränderung der Gehstrecke -7,8 m/Jahr (95%-KI: -13,6 bis -2,0, p = 0,009). Dabei erwies sich der Unterschied zwischen den beiden Subtyp-Kollektiven (SMA-3A: -8,5 m/Jahr; SMA-3B -6,6 m/Jahr) als nicht signifikant (p = 0,78).
Nach Stratifizierung wurde im Gesamtkollektiv eine deutliche Altersabhängigkeit festgestellt: So nahm die Gehstrecke bei den Unter-Sechsjährigen mit SMA um 9,8 m/Jahr ab, bei den Sechs- bis Zehnjährigen um 7,9 m, bei den Elf- bis 19-Jährigen um 20,8 m und bei den Über-20-Jährigen um 9,7 m/Jahr. Diese zwischen den Strata jeweils signifikanten Unterschiede (je p < 0,005) waren am ausgeprägtesten zwischen den Elf- bis 19-Jährigen und den < 6-Jährigen (-30.7 m; p = 0,0009) auf der einen sowie den Sechs- bis Zehnjährigen auf der anderen Seite (-12,9; p = 0,008). Die Progression unterschied sich zwichen SMA-3A und -3B-Patienten nicht signifikant. HL

Kommentar

Wie die grobmotorischen Verschlechterungen bei nicht-gehfähigen SMA-Patienten in einer vorherige Studie zeigte jetzt die im Lauf der Jahre bei den SMA-Typ3-Patienten beobachtete Verschlechterung der Gehfähigkeit ein ähnliches altersabhängiges Muster: Bis etwa zum sechsten Lebensjahr wird das Gehen besser, danach wird es erst (bis zur Adoleszenz) langsam schlechter, anschließend (bis um die Pubertät herum) kommt es zu einer stärkeren Verschlechterung, die etwa bis zum 20. Lebensjahr anhält. Danach verläuft die anhaltende Verringerung der Gehfähigkeit bis ins Erwachsenenalter wieder langsamer. Somit erscheint die Zeit um die Pubertät am vulnerabelsten. Diese altersabhängigen Veränderungen sollten nicht zuletzt in der Konzeption künftiger klinischer Studien bei gehfähigen SMA-Patienten beachtetet werden.


Quelle:

Montes J et al.: Ambulatory function in spinal muscular atrophy ... PLoS One 2018; 13(6): e0199657 [Epub 26. Juni; doi: 10.1371/journal.pone.0199657]



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