Neuro-Depesche 4/2012

Große Kohortenstudie an Männern und Frauen

Testosteron-Einfluss auf Angst und Depression

Niedrige Testosteronspiegel wurden mit einer Major Depression in Verbindung gebracht, die Situation bei Patienten mit Angsterkrankungen ist aber weitgehend unbekannt. Nun untersuchten niederländische Psychiater in einer Kohortenstudie an fast 2000 Männern und Frauen die geschlechtsspezifischen Zusammenhänge von Angst und Depression mit den Testosteron-Konzentrationen.

Aus der Netherlands Study of Depression and Anxiety (NESDA) waren die Daten von 722 Männern und 1380 Frauen verfügbar, die sich in psychiatrischer oder allgemeinmedizinischer Behandlung befanden. Depression und Angsterkrankungen wurden anhand des DSM-IV Composite International Diagnostic Interview erfasst. Die sechs verfügbaren Testosteron-Werte (4 Morgen- und 2 Abend-Speichelproben) der Patienten wurden gepoolt ausgewertet, um episodische Schwankungen zu egalisieren.

Die medianen Testosteron-Morgenwerte lagen bei 25,2 pg/ml bei Männern und bei 16,2 pg/ml bei den Frauen, die entsprechenden Abendwerte waren mit 18,2 bzw. 14,1 pg/ml jeweils deutlich geringer. Unter den Faktoren, die mit der Höhe der Testosteron-Spiegel in einem signifikanten unabhängigen Zusammenhang standen, befanden sich neben Geschlecht, Alter, Entnahmezeitpunkt, Einnahme von Kontrazeptiva in der Frauengruppe und dem Raucherstatus auch die psychiatrischen Erkrankungen: Bei Frauen mit einer gegenwärtigen, d.h. im letzten Monat bestehenden depressiven Erkrankung waren die Testosteron-Werte gegenüber den Kontrollen mit einer Effektgröße von 0,29 (p = 0,002) deutlich verringert. Bei einer generalisierten Angsterkrankung betrug die Effektgröße 0,25 (p = 0,01), bei einer sozialen Phobie 0,30 (p < 0,001) und bei einer Agoraphobie ohne Panikstörung 0,30 (p = 0,02). Bei einer Panikerkrankung ergab sich kein signifikanter Zusammenhang. Sowohl bei den 104 Männern als auch den 224 Frauen, die mit einem SSRI behandelt wurden, waren die Testosteron-Spiegel im Speichel signifikant höher als bei jenen ohne SSRI-Einnahme (Effektgröße: 0,26; p < 0,001). JL

?! Geringere Testosteron-Konzentrationen im Speichel bei Frauen mit depressiven und verschiedenen Angsterkrankungen rücken eine kausale Rolle des altersassoziierten Hormondefizits in den Bereich des Möglichen. Dass SSRI bei beiden Geschlechtern mit höheren Testosteron-Werten einherging, legt einen zusätzlichen Wirkmechanismus dieser Medikamente nahe – wenngleich dies mit den sexuellen Nebenwirkungen der Antidepressiva-Klasse kontrastiert. Noch weiter spekuliert, könnte eine Testosteron-Behandlung bzw. -Augmentation nicht nur bei Männern, sondern vielleicht auch bei Frauen mit einer affektiven und/oder Angststörungssymptomatik hilfreich sein.
Quelle: Giltay EJ et al.: Salivary testosterone: Associations with depression, anxiety disorders and antidepressant use in a large cohort study., Zeitschrift: JOURNAL OF PSYCHOSOMATIC RESEARCH, Ausgabe 72 (2012), Seiten: 205-213


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