Neuro-Depesche 10/2000

Steroid-Psychose

Psychische Nebenwirkungen der Steroidtherapie

Der Begriff "Steroid-Psychose" ist fast zum Synonym für psychische Nebenwirkungen der Corticosteroid-Therapie geworden. Verhältnismäßig häufig treten aber auch affektive Symptome auf.

Nach Steroidtherapie auftretende, substanzinduzierte Psychosen und Delirien, die die DSM-IV-Kriterien erfüllen, werden in der Literatur selten erwähnt. Es existieren relativ viele Fallberichte, aber keine kontrollierten Studien. Wesentlich besser dokumentiert sind dagegen steroidbedingte affektive Symptome. Nach Steroidgabe traten in zahlreichen Studien erhöhte Werte auf den Depressivitäts-Skalen auf. In einer prospektiven Untersuchung kam es gegenüber einer Kontrollgruppe zu einer um das Dreifache erhöhten Wahrscheinlichkeit für depressive Symptome. Bei einem Teil der Patienten setzten diese innerhalb von fünf Tagen ein. Die Auslösung depressiver Erkrankungen ist hingegen weniger gut belegt. Nicht selten beginnen depressive und andere psychische Symptome auch nach Absetzen oder Dosisreduktion der Medikamente (Steroidentzugs-Syndrom). In einigen Studien wird von einer Abnahme der Depressivität nach Steroiden berichtet. Isolierte Symptome wie Euphorie, hypomanische oder manische Episoden, gemischte Episoden treten offenbar relativ häufig auf. In einer Studie an 50 ophthalmologischen Patienten trat bei 13 eine Manie auf. Auch bei MS- und LE-Patienten wurde nach Prednison eine gehobene Stimmung bis hin zur vollausgebildeten Manie beobachtet. Die euphorisierende Wirkung der Corticosteroide birgt einigen Berichten zufolge ein nicht unerhebliches Missbrauchspotenzial. Prädiktoren für das Auftreten der Nebenwirkungen ließen sich in der Literatur nicht identifizieren, insbesondere scheinen psychische Vorerkrankungen ihre Inzidenz nicht zu erhöhen. Die Symptom-Häufigkeit nimmt allerdings mit der Höhe der Steroiddosis bzw. der Serumkonzentration an ungebundenem Wirkstoff zu. So zeigte die Boston Collaborative Study eine Inzidenz psychischer Nebenwirkungen von 1,3% bei Prednison-Dosen <= 40 mg/d, von 4,6% bei Dosen zwischen 40 und 80 mg/d und von 18,6% bei Dosen \9B 80 mg/d. Psychische Symptome scheinen vom Therapieschema weitgehend unabhängig zu sein. Sie treten sowohl bei i.v.-Pulstherapie und Behandlung an alternierenden Tagen, als auch nach Einmal-Injektion oder Inhalation auf. Viele steroidinduzierte Symptome bleiben unterhalb der Schwelle der Behandlungsbedürftigkeit bzw. führen nicht zur Notwendigkeit der Dosisreduktion oder des Absetzens. Daneben gibt es aber schwere Störungen, die mit hoher Suizidalität einhergehen können. In der Prävention manischer und depressiver Symptome scheinen Lithium, Carbamazepin oder Valproinsäure anwendbar zu sein. Kontrollierte Studien hierzu fehlen. Eine Verminderung der maximalen Serumkonzentrationen durch Teilung der täglichen Dosis kann die Häufigkeit unerwünschter Wirkungen voraussichtlich reduzieren. Die erste Maßnahme bei steroidinduzierten psychischen Symptomen besteht, wenn möglich, in Dosisreduktion oder Absetzen der Medikamente, beim Steroidentzugs-Syndrom in deren erneuter Gabe. Einzelfallberichten zufolge können affektive Symptome erfolgreich mit Lithium, dem SSRI Fluoxetin und dem trizyklischen Antidepressivum Imipramin behandelt werden. Auch das atypische Neuroleptikum Olanzapin soll wirksam sein. (JL)


Quelle: Patten, SB: Corticosteroid-induced adverse psychiatric effects, Zeitschrift: DRUG SAFETY, Ausgabe 22 (2000), Seiten: 111-122


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