Neuro-Depesche 11-12/17

Deutscher Schmerzkongress 2017, 11.–14. Okt. 2017 in Mannheim

Mit dem Patienten gemeinsam die Therapie optimieren

Die Jahrestagung der Deutschen Schmerzgesellschaft (DSG) e.V. und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) e.V., kurz Deutscher Schmerzkongress 2017, stand unter dem Motto „Gemeinsam entscheiden“. Mit etwa 40 wissenschaftlichen Symposien (einschl. Pflegesymposien) sowie zahlreichen Kursen und Seminaren deckte der Schmerzkongress, der etwa 2000 Besucher verzeichnen konnte, das gesamte Themenspektrum der Schmerzdiagnostik und -therapie ab.

Hier eine Auswahl der in Mannheim diskutierten Themen.
 
Der Patient als Partner
 
Eine partizipative Entscheidungsfindung („shared decision making“, SDM) ist auch in der Schmerzmedizin ein Gebot der Zeit (und in den Leitlinien der Schmerzmedizin gefordert). Sie ist besonders nützlich, wenn mehrere evidenzbasierte, in ihrer Wirksamkeit als gleichwertig geltende Behandlungsmethoden zur Wahl stehen. Hier kommt es – auch im Hinblick auf die Adhärenz – auf die individuellen Präferenzen des Patienten an. Dies betrifft auch die möglichen Nebenwirkungen, die für verschiedene Patienten von ganz unterschiedlicher Bedeutung sein können. Als Beispiel nannte Kongresspräsident Prof. Winfried Häuser, Saarbrücken, die Therapie bei neuropathischen Schmerzen, für die Antidepressiva, Antikonvulsiva und Opioide zur Verfügung stehen. Will ein Patient auf keinen Fall das Risiko einer Gewichtszunahme eingehen, fallen bereits einige Therapieoptionen weg.
Um eine partnerschaftliche Entscheidungsfindung in der Schmerzmedizin zu implementieren und den Patienten dabei zu einem gleichberechtigten Partner zu machen, müssen neue Wege beschritten werden. Unter Vermeidung medizinischer Fachausdrücke sollte der Arzt die Erwartungen, Wünsche, Sorgen und Ideen des Patienten erfragen und ihn unterstützten, die eigenen Präferenzen zu erkennen, erläuterte Häuser. Dies bedeutet auch, dass der behandelnde Arzt sein Kommunikationsverhalten prüfen und ggf. anpassen sollte.
 
Migräne unterbehandelt
 
Einer in Mannheim vorgestellten repräsentativen DMKG-Umfrage zufolge berichteten 40,2% der Befragten einen Kopfschmerz in den letzten sechs Monaten, darunter eine Migräne bei 3,8% der Männer und 10,9% der Frauen, mehrheitlich an ein bis drei Tagen pro Monat. Viele Patienten behandelten sich mit frei verkäuflichen Analgetika selbst. Einen Arzt hatte nur etwa die Hälfte konsultiert. Eine Migräne wird deutlich häufiger durch Fachärzte als durch Hausärzte diagnostiziert und adäquat behandelt.
Nur 20% der Befragten mit häufiger episodischer Migräne (4−14 Migränetage/Monat) waren medikamentös behandelt worden. „Die Migräne-Prophylaxe bietet“, betonte DMKG-Vizepräsident Prof. Andreas Straube, München, „gute Chancen, die Zahl der Kopfschmerztage zu senken, und sollte deshalb allen Patienten angeboten werden.“
 
Nicht-medikamentöse Verfahren
 
Noch zu wenig bekannt ist, so Kongresspräsident Prof. Matthias Keidel, Bad Neustadt/ Saale, dass auch nicht-medikamentöse Therapien wie Entspannungsverfahren, Ausdauersport, Biofeedback und die kognitive Verhaltenstherapie bei der Migräne hilfreich sein können. Wie Anke Pielsticker, München darlegte, kann bei Kopfschmerz auch die Hypnose bzw. Selbshypnose eine sinnvolle Ergänzung bewährter Psychotherapieverfahren sein.
 
Stellenwert von Cannabis
 
Seit März 2017 können Patienten „mit schwerwiegenden Erkrankungen“ auch Cannabis- basierte Arzneimittel zur Schmerzlinderung verschrieben werden, − und teilweise wird dies nach dem stattgefundenen Medien- Hype von Patienten auch eingefordert, so DMKG-Präsidentin PD Stefanie Förderreuther, München. Dabei besteht „keine ausreichende Evidenz dafür“, so Häuser, dass Mittel wie Dronabinol, Nabilon, Medizinalhanf oder THC/CBD-Spray bei gastrointestinalen, rheumatischen oder Tumorschmerzen wirksam sind, wie auch eine Auswertung von elf systematischen Reviews ergeben hat. Ausnahme sei lediglich der neuropathische Schmerz. Von jeglichen Eigentherapien mit Cannabisblüten rät der Experte dringend ab, da die Nebenwirkungen angesichts massiver Unterschiede in den THC-Konzentrationen einfach unvorhersehbar seien.
Evidenz fehlt gerade auch beim Kopfschmerz. Tierexperimentelle Daten zeigen einen möglichen Einfluss von Cannabinoiden auf die Cortical Spreading Depression (CSD), die als neurophysiologische Grundlage der Migräneaura gilt, doch liegen bislang keine Nachweise für eine Überlegenheit über Placebo oder eine Gleichwertigkeit gegenüber etablierten Kopfschmerztherapien vor.
 
E-Health: Rise-uP für Patienten mit Rückenschmerz
 
Für Patienten mit Rückenschmerz wurde das telemedizinische E-Health-Projekt Rise-uP entwickelt, schilderte Prof. Thomas Tölle, München. Elektronisch vernetzt werden die Komponenten Therapienavigator für den Arzt (eine leitlinienbasierte Fallakte mit Behandlungsalgorithmen und einer Risikostratifizierung für die Schmerzchronifizierung) mit der Kaia-Rücken-App für den Patienten, die u .a. ein multimodales Behandlungsprogramm mit körperlichen und psychischen Übungen beinhaltet. Ziel von Rise-uP ist die frühe Erkennung einer Chronifizierungstendenz, um ihr mit geeigneten (multimodalen) Interventionen (einschließlich App-Anleitungen für den Patienten) entgegenzuwirken. Gerade beim Rückenschmerz besteht eine äußerst fragmentierte Grundversorgungssituation, betonte Tölle in Mannheim, mit oft bis zu zehn konsultierten Ärzten. Das zunächst auf drei Jahre angelegte Projekt wird mit mehr als fünf Millionen Euro aus dem EU-Innovationsfonds gefördert.



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