Neuro-Depesche 10/2009

20. Schmerz- und Palliativkongress, Frankfurt/Main, 26.-28. März 2009

In der Schmerztherapie bleibt viel zu tun

Beim diesjährigen Schmerzkongress gab es Grund, zu feiern: Seit 25 Jahren existiert die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie, der Deutsche Schmerz- und Palliativtag fand zum 20. Mal statt und die Frankfurter Selbsthilfegruppe als Keimzelle der Deutschen Schmerzliga wurde vor 20 Jahren gegründet. Seitdem hat es zwar deutliche Fortschritte auf dem Gebiet der Schmerzforschung und damit auch bei den diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten gegeben, zu viele Patienten mit chronischen Schmerzen sind aber nach heutigem Verständnis immer noch unterversorgt.

Auch wenn alle Schmerzpatienten seit 2005 einen gesetzlichen Anspruch auf eine qualifizierte Schmerzbehandlung nach den aktuellen Standards und Leitlinien haben, wird ein großer Teil der schätzungsweise 15 Millionen Patienten mit chronischen oder wiederkehrenden Schmerzen entweder gar nicht oder nicht ausreichend behandelt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es zu wenige Experten und keine flächendeckende Versorgung gibt. Der Bedarf ist groß und es dauert oft viele Jahre, bis Patienten zu einem Spezialisten kommen. In dieser Zeit brennen sich unzureichend behandelte Schmerzen im Zentralnervensystem ein; die Beschwerden verselbstständigt sich und werden zur eigenständigen Schmerzkrankheit.

Expertenmangel, Gesundheitsfond

Dennoch gehören laut Dr. Marianne Koch, Präsidentin der Deutschen Schmerzliga, weder Schmerz- noch Palliativmedizin zu den Pflichtlehr- und Prüfungsfächern im Medizinstudium. Dabei könnten gut ausgebildete Ärzte in einem abgestuften Versorgungssystem in vielen Fällen durch eine frühzeitige und konsequente Therapie bei akuten und wiederkehrenden Schmerzen fatale Chronifizierungsprozesse verhindern. Hinzu kommt, dass die wenigen niedergelassenen Schmerztherapeuten – es gibt 500 spezialisierte Einrichtungen, nötig wären aber 3000 – aufgrund der aktuell schwierigen gesetzlichen Rahmenbedingungen in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet sind, kritisierte Koch.

Schmerztherapie und Schlaf

Chronische Schmerzen bringen die Hälfte aller Schmerzpatienten um ihren Schlaf: Angefangen bei Einschlafstörungen, über das Aufschrecken bei schmerzhaften Bewegungen, bis hin zu einer gestörten Schlafarchitektur mit weniger Tiefschlafphasen und zu frühem Aufwachen. Laut Dr. Michael Überall, Nürnberg, leiden viele Schmerzpatienten deshalb unter chronischer Tagesmüdigkeit. Diese wiederum stört die Schmerzverarbeitung, d. h. es sinken Schmerzschwelle und Schmerztoleranz. Damit schließt sich ein Teufelskreis, erklärte der Schmerztherapeut: Schlechter Schlaf verschlimmert den Schmerz und dieser stört wieder den Schlaf.

Dass dieser Prozess durch eine effektive Schmerztherapie durchbrochen werden kann, belegen erste Untersuchungen mit 40 Patienten an den Schmerzzentren Chemnitz, Göppingen und Nürnberg. Mit speziellen Fragebögen wurde die Schlafqualität in ihren verschiedenen Dimensionen erfasst; darüber hinaus wurden mit einem speziellen Mikrocomputersystem die bioelektrischen Hirnstromkurven der Teilnehmer während des Schlafes in häuslicher Umgebung erhoben und analysiert. Dabei zeigte sich, dass sich bei Patienten, die auf eine Schmerzmedikation mit Flupirtin ansprachen, auch Schlafqualität und Tagesmüdigkeit besserten.

Laut Überall ist das ein bedenkenswerter Aspekt, beeinträchtigt doch die Tagesmüdigkeit u. a. kognitiv anspruchsvolle Aktivitäten des täglichen Lebens wie beispielsweise das Autofahren.

Infektionen und Schmerz

Nicht selten sind chronische Infektionen mit Viren oder Bakterien Auslöser starker chronischer Schmerzen. Dazu gehört z. B. Herpes zoster, die „Gürtelrose“, berichtete die Neurologin Prof. Gabriele Arendt, Düsseldorf. Auslöser sind Varizella-Zoster- Viren, die Erreger der Windpocken. Daran erkranken bei uns jährlich 760 000 Menschen, in der Regel Kinder. Haben sie die Infektion durchgemacht, ziehen sich die inaktiven Erreger in die Ganglienzellen zurück; sie können aber bei schwacher zellulärer Immunabwehr im höheren Lebensalter erneut aktiv werden und die Gürtelrose verursachen, erklärte Prof. Peter Wutzler, Jena.

Als Komplikationen sind vor allem bei älteren Patienten starke, oft chronische Nervenschmerzen gefürchtet, die nur schwer zu behandeln sind. Es empfiehlt sich, mit einer Impfung gegen den Zoster-Erreger vorzubeugen. Eingesetzt wird ein Lebendimpfstoff aus abgeschwächten Viren, der dafür sorgt, dass die zelluläre Immunabwehr auf den Erreger gelenkt und schneller aktiv wird, so Wutzler. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Gürtelrose bei Geimpften nur noch halb so häufig auftritt und seltener Komplikationen verursacht. Ay




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