Neuro-Depesche 7/2006

8. Europäischer Kopfschmerzkongress, Valencia, 26.-29. April 2006

Breites Themenspektrum: Praxisrelevantes und Kurioses

Bereits zum achten Mal tagte der europäische Kopfschmerzkongress der European Headache Federation (EHF), in diesem Jahr in Valencia. Ob Epidemiologie, Grundlagenforschung oder brandaktuelle klinische Daten, das Themenspektrum war wie immer breit gefächert. Neben vielen interessanten praxisrelevanten Veranstaltungen war der Kongress diesmal auch mit Kuriosem gespickt.

Können Handytelefonate bei „empfindlichen“ Personen Kopfschmerzen auslösen? In einer skandinavischen Bevölkerungsstudie bejahte jeder Fünfte diese Frage.

Freispruch für Mobiltelefone

In einer Expositionstudie wurde nun geprüft, inwieweit dieser „Elektrosmog“ für Kopfschmerzen verantwortlich sein könnte. Mit 17 Probanden, die beim Telefonieren mit dem Handy regelmäßig Kopfschmerzen bekamen, wurden je acht 30-minütige „Telefonate“ geführt, wobei nur bei der Hälfte der Tests entsprechende elektromagnetische Felder erzeugt wurden. Das Ergebnis signalisiert Entwarnung: Kopfschmerzen waren nach den Mittelwerten einer visuellen Analogskala mit 11,0 vs. 7,9 in der Gruppe ohne Exposition häufiger (p = 0,22)

In einer anderen Studie führten „falsche“ Handytelefonate bei allen Probanden zu einer Zunahme von Kopfschmerzen. Da andere Kopfschmerztrigger wie Klingeltöne, Gesprächsstress und ungünstige Schulter-Arm-Positionen ausgeklammert waren, ist der Kopfschmerz wohl am ehesten auf die Erwartungshaltung zurückzuführen.

Imperatives Gähnen eine Form der Aura?

Eine Migräneattacke kündigt sich oft durch imperatives Gähnen an. Als zerebraler „Sitz“ des Gähnzwangs wurden der Nucleus paraventricularis im Hypothalamus sowie der Hippokampus identifiziert. An einer aktuellen Untersuchung hatten zehn Migräne-Patienten mit visueller Aura und Gähnzwang teilgenommen. Patienten mit Epilepsie, Schädel-Hirn-Trauma und zerebrovaskulären Störungen waren von der Studie ausgeschlossen. Die Gähnepisoden dauerten zwischen vier und 60 Minuten, sie waren begleitet von Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Kiefergelenkschmerzen und Angst. Die Patienten waren durch den Gähnzwang erheblich in ihren Aktivitäten eingeschränkt. EEG-, Kernspin- und Laborbefunde waren unauffällig. Der Gähnzwang scheint damit eine ungewöhnliche Form der Aura darzustellen, die die klinischen Charakteristika der Kriterien der Klassifikation der International Headache Society (IHS) erfüllt. Bevor er in die IHS-Aura-Klassifikation aufgenommen werden kann, müssen diese ersten Ergebnisse allerdings noch bei einem größeren Patientenkollektiv erhärtet werden.

Dauerkopfschmerz bestraft Kokser

Kokain löst relativ häufig Kopfschmerzen aus. Pathogenetisch werden sympathomimetische oder vasokonstriktorische Effekte diskutiert. Typischerweise setzt der Schmerz spätestens eine Stunde nach der Einnahme ein und hält maximal 72 Stunden an. Wiederholter Kokainmissbrauch kann aber auch Dauerkopfschmerz auslösen, wie der Fall eines 26-Jährigen zeigt. Er litt seit zwei Jahren unter episodischen, bilateral frontotemporalen, pulsierenden Kopfschmerzen, die direkt nach der – sporadischen – Kokainaufnahme auftraten und sich ohne Medikation innerhalb von 24 Stunden besserten. Vor 18 Monaten erlitt der Mann eine seiner typischen Kokainkopfschmerzepisoden – die bis heute anhält, obwohl er seitdem kein Kokain mehr geschnupft hat. Die Schmerzen erweisen sich bislang allen üblichen Therapiemaßnahmen gegenüber als resistent. Kernspin und neurophysiologische Untersuchungen blieben ohne Befund.

ASS so wirksam wie ein Triptan

Jeder zweite Patient mit migränebedingten Kopfschmerzen greift bei einer akuten Attacke zu einem OTC-Analgetikum. Acetylsalicylsäure (ASS), von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken empfohlen, erwies sich in Form zweier gepufferter ASS-Brausetabletten à 500 mg bei einer akuten Migräneattacke als ebenso wirksam wie die orale Gabe von 50 mg Sumatriptan. Beide Präparate hatten nach zwei Stunden bei mindestens der Hälfte der Patienten den Kopfschmerz deutlich gebessert oder vollständig beseitigt. Der therapeutische Gewinn, berechnet als Differenz zwischen Wirkstoff- und Plazeboeffekt, war vergleichbar. Auch wenn man das strengere Kriterium „schmerzfrei nach zwei Stunden“ anlegte, bestanden keine signifikanten Unterschiede. ASS stellt damit eine erwägenswerte Alternative zur Triptantherapie dar.

Adipositas triggert Kopfweh

Mit dem Körpergewicht steigt das Risiko für chronischen Kopfschmerz. Zu diesem Schluss kommt eine norwegische Studie. 22 685 Teilnehmer, die bei Einschluss in die erste Erhebung (1984 bis 1986) nur selten unter Kopfschmerzen litten (keine Analgetikaeinnahme) wurden 1995 bis 1997 erneut zu Analgetikakonsum und Kopfschmerzhäufigkeit befragt. Patienten, die zwischenzeitlich mehr als zehn Kilogramm zugenommen hatten, litten erheblich häufiger unter Kopfschmerzen als jene mit einem geringeren oder keinem Gewichtsanstieg. Dies galt für Migräne ebenso wie für nicht migränebedingte episodische und chronische Kopfschmerzen. Der Zusammenhang war bei allen Kopfschmerzformen nahezu linear. Am deutlichsten zeigte sich dieser Trend bei chronischen Kopfschmerzen.(KW)




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