Neuro-Depesche 7/2003

Jahrestagung 2003 der American Psychiatric Association

APA-Blitzlichter

Neurobiologie und Psychopathologie rücken in der Forschung immer näher zusammen. Auf dem weltgrößten Psychiatriekongress im Mai in San Francisco befassten sich viele Beiträge mit der pathophysiologischen Verzahnung.

Die durchschnittliche Noradrenalin (NA)-Serumkonzentration von 27 alkoholabhängigen Trinkern wurde mit der von 29 "trockenen" Alkoholabhängigen und 28 gesunden Kontrollpersonen verglichen. Bei den gegenwärtigen Trinkern war die NA-Konzentration signifikant höher als in den beiden anderen Gruppen. Ashwin A. Patkar et al., Philadelphia, demonstrierten, dass sich die initial erhöhten NA-Konzentrationen bei Entgiftung innerhalb von sieben Tagen normalisierten. Die Serotoninkonzentrationen dagegen waren bei den Trinkern im Normbereich, sanken aber während der Entgiftung vom ersten Tag an ab und hielten sich bis zum Ende der 14-tägigen Studie auf subnormalen Werten. Wie lange die niedrigen Serotoninspiegel nach Entgiftung bestehen bleiben und ob sie einen Einfluss auf das Ansprechen auf eine SSRI-Therapie haben, seien, so Patkar, interessante Fragen für weitere Studien. Unter einer Behandlung mit Interferon (IFN)-alpha - etwa wegen einer chronischen Hepatitis C oder eines malignen Melanoms - tritt bei 30 bis 50% aller Behandelten eine Major Depression auf. Die Vermutung, dass diese mit einem direkten Effekt von IFN-alpha auf die frontostriatale Hirnaktivität in Verbindung stehen, konnte nun von Lucile Capuron, Atlanta, in der funktionellen Bildgebung bestätigt werden. Eine Aktivierung der Kortisol-Stress-Achse nach der ersten IFN-alpha-Injektion erwies sich in einer Arbeit von Charles Raison et al., Atlanta, als starker Prädiktor für eine Depression und könnte in Zukunft möglicherweise bei der Entscheidung helfen, bei welchen Patienten eine Prophylaxe mit einem Antidepressivum von Vorteil wäre. Dass Parkinsonpatienten häufiger depressiv sind, sei nicht durch körperliche oder kognitive Beeinträchtigungen und die daraus resultierende psychische Belastung alleine zu erklären, schließt Jeffrey L. Cummings, Los Angeles, aus neueren Forschungsresultaten. Vielmehr scheine ein neurobiologisches Bindeglied zwischen beiden Erkrankungen zu existieren. Bemerkenswert sei in diesem Zusammenhang, dass Depressionen überwiegend bei Patienten auftreten, die unter der akinetisch-rigiden Variante leiden und beim Tremordominanztyp wesentlich seltener sind. Neuronenverluste im Locus coeruleus und den dorsalen Raphekernen, eine verminderte frontale Aktivität in PET-Befunden und genetische Risikofaktoren wie bestimmte Serotonintransporter-Polymorphismen seien zusätzliche Indizien für die neurobiologische Verzahnung. 679 Artikel zum Thema bipolare Störungen der Jahre 1998 bis 2000 aus den fünf psychiatrischen Zeitschriften mit den höchsten Impact-Faktoren wurden von Federico Soldani und S. Nassir Ghaemi, Cambridge, auf ihre methodische Qualität untersucht. Nur 19% der Studien waren randomisiert und genügten damit einem Evidenzgrad von 1 oder 2. Lediglich eine Arbeit beinhaltete eine statistische Poweranalyse, nur zwei gaben Konfidenzintervalle an. Bei 76% aller prospektiven Studien wurde zudem eine Nachbeobachtungsphase vermisst. Soldanis Fazit: "Selbst in hoch angesehenen Zeitschriften mangelt es an methodischer Qualität." Ein hohes Risiko falsch-negativer Ergebnisse und Überbewertung von Testhypothesen seien die Folge. (TH)




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